Die Wahrheit gegen Wände werfen.

Nice boys don't play rock'n'roll.

You meet amazing people on the road

Posted on 12. Februar 2017

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem das Leben an einem fremden Ort wieder das ganz normale Leben wird. Manchmal hab ich Heimweh, und manchmal so sehr, dass es weh tut. Aber für diesen Winter ist es gut so. Hier sind auch die Wellen und das Meer, hier sind die anderen, die sich ebenfalls in der Fremde ein Heim geschaffen haben – oder zumindest ein vorübergehendes. Hier ist das Goloso, die französische Bäckerei, die Kaffee und Schokoschnecken hat, wenn man traurig ist, hier gibt es Papayas und Säfte, die Wüste und das Ganze, das sich nur um Surfbretter, Neos, Finnen, Surfvorhersagen, Early Bird, Dawn Patrol, Etikette und eine Landkarte aus Surfspots dreht. Hier sind Yoga bei Erika und Surftraining bei Cristiano und Alfonso und hier sind die, die Freunde werden. Die bizarren Dinge werden ja irgendwann auch ganz normal. Eben brachen Nadine und Selina mit den Worten auf: “Wir fahren nach Lajares und gehen auf den Vulkan. Will jemand mit?” And Stillwater was right: You meet amazing people on the road. Wenn ich könnte, würde ich einen Song mit vielen Strophen über sie schreiben. Es ist ein bißchen so, als würde man Menschen sammeln. Am Ende wird es wieder eine Geschichte werden. Über Cri und Erika, Emiel, Iane und Nadine, Marc, Micky und Daniele, Tommy, Nane, Willy, Tim, Karin, Annika, Massimo und die Hunde. Im Kopf hab ich schon begonnen.

 

 

Chocolate in heaven

Posted on 9. Januar 2017

9. Januar 2017

“Wenn es im Himmel keine Schokolade gibt, dann will ich da nicht hin.” Dieser Spruch hängt seit einer Ewigkeit in Hamburg an meinem Kühlschrank. Vor 16 Jahren sah ich ihn, durch die englische Sprache wesentlich präziser formuliert, am Kühlschrank meiner geliebten Lehrerin Helen in Rye, Sussex: If there’s no chocolate in heaven I won’t go.
Helen lebt nicht mehr. Ich würd sie gern nach der Schokolade fragen. 2013 wollte ich sie besuchen und hörte tieftraurig von ihrem konsequenten und selbstbestimmten Abgang aus dem Diesseits. So war sie. Aber noch immer kann ich nicht verstehen, dass ihr “You’re always welcome” gar nicht ewig währt. Im Sommer werde ich sie trotzdem in Rye besuchen. Helen war eine von den Guten. Natürlich war sie das. Ich war mir immer sicher, dass sie einem Roman Roddy Doyle’s entsprungen sein musste. Er hätte sie nicht besser schreiben können.
Wieviel Zeit verbringt man in seinem Leben mit der Abgrenzung zu denen, die einem nicht gefallen. Wir urteilen ununterbrochen über Menschen, ihre Art zu sein, zu leben, zu entscheiden und verpassen ihnen Etiketten: die Egoisten, die Oberflächlichen, die Alternativen, die Punks, die Erfolgsmenschen, die Möchtegerns, die Freigeister… Die Guten, die sind einfach und lassen die anderen meistens links liegen. Laut, leise, brutal, vermeintlich rücksichtslos, tiefsinnig, zärtlich, außerhalb der wogenden Masse. Die Guten sind unangepasst, immer etwas einsam und immer ruppiger als der Brei. Jedenfalls meine Guten. Logisch. Meinungen sind eckig. Durchziehen und Respekt zollen.

Hakan Nesser erfindet solche Menschen auch (wie Roddy Doyle). Einer von Ihnen sitzt in London in einem Straßencafé, er wird bald sterben und will nicht in den Himmel, wenn es da nicht einen Cafétisch, eine interessante Tageszeitung, einen Kaffee und eine Zigarette vormittags in einer Großstadt gibt.
Logisch. Was soll man sonst im Himmel, wenn es dort diese Sachen nicht gibt, die das Leben so schön machen? Keine Rockkonzerte? Kein Kaffee mit Croissants morgens in einem Café? Kein Klavier? Keine Wellen? Keine Surfbretter? I wouldn’t go.

Intermediate II. Northshore.

Posted on 27. Dezember 2016

„Drah di nei! Svenia, drah di nei!“ Ich muss so lachen, dass ich Wasser schlucke – und lange huste. „Stefan, das wird sie nicht verstehen. Svenia kann keinen Dialekt.“ „Ja, äh…“ „Aber sie weiß bestimmt, dass Du es gut meinst.“

Sonntag morgen um 8 Uhr geht es los. „Wir gehen jetzt erstmal surfen und dann erzähl ich Euch, was wir die Woche über so machen.“ Also los zur Punta Blanca. Wir sollen zeigen, was wir können. Es ist wild, es ist groß, es ist Strömung, paddeln, paddeln, paddeln, wie die Punta eben so ist. Es ist schön. Wieder da draussen, wieder surfen. Angie sitzt auf dem Autodach und filmt, damit wir später eine Videoanalyse machen können. Oder sie winkt, falls wir uns falsch positionieren. So richtig im Flow sind wir nämlich noch nicht, aber es ist ein Anfang. Ein Anfang einer intensiven Woche.

Was für eine Woche! Jeden Tag surfen, jeden Tag Theorie, 3x Yoga, 2x Drysurf, 1x carvern, 1x longboarden in der Rampe. So der Plan. Am ersten Abend finden wir uns also beim Yoga wieder, die Schultern sind müde, es ist anstrengend aber macht glücklich, denn es heißt wieder: „Fly into Chatturanga!“ Ich liebe es. Und wie immer fühlt man sich danach etwas wie Pudding. Bevor ich anfing mit surfen, habe ich nie Yoga gemacht, und lange blieb ich skeptisch. Aber es ist nicht nur die Beweglichkeit, auf die diese Kunst Einfluss nimmt, es ist eben tatsächlich auch die Atmung und der Geist. Wenn der Körper und das Gehirn in ihren Handlungen nicht ganz harmonieren, werden die Yoga-Stunden bei Erika zu ihrer Zusammenführung einen entscheidenden Beitrag leisten.

Am Abend werden wir von Angie darauf eingeschworen, eine Gruppe zu sein, Energie und Wissen in einen Topf zu werfen, aus dem wir uns bedienen können. Jeder geht mit anderem Fokus und anderen Trainingsschwerpunkten in die Session, aber jeder von uns hat ebenso viele Fähigkeiten, von denen wir als Team profitieren. Und es funktioniert. Svenia ist die Ruhe selbst, Stefan ist es gewohnt, sich in fremden Spots zurecht zu finden, Torsten hat ein gutes Gefühl für die Positionierung in der Welle, und ich stehe bereit für die Orientierung und Fragen in Sachen Fitness.

Alle Fragen des Lebens, die uns zuhause beschäftigen, alle Widersprüche, alle Ideen von uns selbst und alle Befindlichkeiten treten ab Sonntag abend für fünf Tage in den Hintergrund, denn es geht nur um eines: Surfen.
Ein wenig kratzt es ja schon am Ego, die eigenen Defizite so kristallklar aufgezeigt zu bekommen. Aber dafür bin ich ja hier. „Ist Euch das Programm zu viel in fünf Tagen?“ fragt Tobi. Nein, ich will so viel und intensiv arbeiten, wie ich kann. It’s a long way to the top if you wanna rock’n'roll.
Also los. Wir werden die richtige Paddeltechnik lernen, werden ein besseres Gefühl für Strömung, Wellen, Vorhersagen, den Wind, die Gezeiten, die anderen Surfer, den Ozean und das Surfbrett bekommen, wir werden den Take-off verbessern, an Beweglichkeit und Balance arbeiten, stärker werden, ein permanentes Bewusstsein entwickeln und dauerhaft ermahnt werden, uns im Line-up zu benehmen – aber auch zu behaupten.

Montag und Dienstag surfen wir die Caleta, und in dieser Welle lerne ich viel. Wir fahren Turns, erkämpfen uns erste Erfolge und ganz langsam wird der Weg zum nächsten Level klarer. Die Gruppe funktioniert gut, die Kommunikation im Wasser auch. Daher ist es fast selbstverständlich, dass wir zusammen im Line-up sitzen und uns gegenseitig in die Wellen schicken. Also Svenia, „drah die nei!“

Und dann zurück zum Freshsurf Headquarter,
„Put your damned back foot down! Now!“ Drysurf. Gleichgewicht, Position auf dem Brett, Bewegungsmuster, Finetuning, Take-offs. Diesmal fordert Cristiano alles. Ich hab nicht gezählt, aber ich schätze, ich habe 60 Take-offs auf dem Fish gemacht. „Don’t stop!“ Die Hüfte gerade! Das Gewicht nach vorn! Nimm die Arme mit! Lass den hinteren Fuß unten! Dreh den vorderen weiter nach innen! Den hinteren öffnen! Wo ist Dein Schwerpunkt? Wohin geht Dein Blick?

Langsam merke ich aber auch, wie intensiv die Woche wirklich ist. Da wir Nachhilfe im Lesen des Forecast bekommen und Magic Seaweed bald wie ein offenes Buch vor uns liegt, ist klar, dass wir fünf Tage ohne Pause durchziehen, denn ab Freitag kommt der Sturm aus dem Norden, so dass ich mich ein Wochenende lang wieder wie zu Hause fühle, denn genauso sind die stürmischen Frühsommertage an der Nordsee. Der Himmel wird dunkel, die Gischt fliegt und die Brandung donnert auf den Strand.

Schon Mitte der Woche werden die Bedingungen schwierig, und daher endet die Spotsuche am Mittwoch nach den Drysurf- und Carver-Sessions am Strand. Es ist unfassbar, wie man sich nach dreieinhalb Tagen mit stetiger Lernkurve schlagartig wieder wie ein totaler Anfänger fühlen kann. Ich traue mich ganz schlicht und ergreifend nicht. Schon die erste Welle katapultiert mich mit Macht senkrecht nach unten, nach drei Überschlägen tauche ich japsend wieder auf. Ich kann die kleinen Wellen nicht von den großen unterscheiden und die Strömung zieht unerbittlich. Ich will das nicht. Also setze ich mich an den Strand, bald setzt Svenia sich dazu. Gesurft ist heute keiner. Aber auch das gehört dazu. Es geht nie einfach so geradeaus. Nicht im Leben und nicht beim Surfen. Manchmal sind die Kräfte des Ozeans einfach zu stark.

Aber dann ist die Zeit doch wieder geflogen. Hätte man mir am Donnerstag früh gesagt, ich würde mittags alleine in der Halfpipe longboarden, hätte ich wahrscheinlich mal kurz laut gelacht. Aber weil Carl so ein toller Longboarder und ein ebenso toller Trainer ist, geschieht es tatsächlich. Wir springen auf dem Board um 180°, wir lernen professionelles Kurvenfahren, üben den Cross-Step und fahren in der Miniramp. Genau wie am Mittwoch lösen sich alle Blockaden, nachdem das Board mal wieder unter mir wegschießt und ich sehr unsanft auf meinem Hintern lande. Weiter geht’s. Und dann ist alles gut, furchtlos und frei.

Am Ende schienen die Tage nicht genug helle Stunden zu haben. So schlecht ist es gar nicht, dass der Sturm ab Freitag mit Macht in den Palmen rauscht, das Gehirn nutzt die Pause, um die neuen Bewegungsmuster zu verarbeiten. Das Fazit fällt trotz einiger persönlicher oder naturbedingter Hindernisse bei jedem positiv aus. So wie wir alle auch jeden Tag mit eigenen Aufgaben ins Wasser gingen, besprechen wir einzeln, wie es für jeden von uns weitergeht und welchen Herausforderungen wir uns in Zukunft stellen. Wir freuen uns drauf, vielleicht shredden wir ja mal wieder gemeinsam.
Und auch wenn es mal nicht so gut läuft, haben wir hier jeden Tag die Chance, uns in die Wellen zu stürzen und da draussen zu sein. Welch unschätzbares Privileg.

 

- Danke, Svenia, für die Bilder. Ich war mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt.

Kia ora!

Von Andalusien auf die Kanaren

Posted on 29. November 2016

17. November 2016

Manchmal stelle ich mir vor, dass eines Tages mein Tagebuch gefunden wird, das ich so sagenhaft unregelmäßig geführt habe. Und plötzlich öffneten sich Universen des Verständnisses für ganze nachfolgende Generationen in Hinblick auf die nie vorhersehbaren Handlungen der E.-M. Mallmann. Weil ich ja auch so schwer zu durchschauen bin. Nun, natürlich stecken in dieser Version gleich zwei falsche Annahmen. Die erste bezieht sich auf die Wichtigkeit meiner Person für die Welt. Die zweite auf die Notwendigkeit des geschriebenen Wortes zur Entschlüsselung unser Wesen in der Zukunft. Niemand kann noch ernsthaft daran zweifeln, dass wir Algorithmen sind, gläsern und berechenbar. Vielleicht eine logische Konsequenz, am Ende die Unwichtigkeit des Einzelnen in eine grafische Darstellung zu überführen. Hinsichtlich der Begeisterung, mit der die Menschheit diese algorithmischen Aufzeichnungen bedient, frage ich mich, wie es im Gegenzug dazu kommt, dass die einzelnen Plagegeister sich so unfassbar wichtig vorkommen. Auf Reisen wird diese Tatsache deutlicher als irgendwo sonst.

Klar, wenn man aus dem Alltagsnebel zurücktritt, dann wird das Bild klarer. Auch, wenn es mich nicht überrascht, so staune ich, wobei mir unklar ist, wo bei den Verhaltensauffälligen die Grenze zwischen Unsicherheit und Ignoranz verläuft. Die Episode “se roomservice is not good” ist ja nur ein Bruchteil. In El Palmar treffe ich Deutsche in VW-Bussen aus Kiel, Würzburg, Eckernförde, Göttingen. Sie stehen an der Promenade mit ihren Mobilen, aufgebaut im Quarree, in der Mitte ein wackenähnliches Arrangement. Ich frage, ob sie schon länger da sind. Ein selbstgefälliges Grinsen: Ja, jetzt seit drei Wochen. Im Winter macht hier ja keiner Stress, wenn Du hier stehst.” Schon klar, darum geht es natürlich. Is klar. Ihr steht da, blockiert die Parkplätze, pinkelt den Ort voll, verteilt wegfliegenden Müll und Kippen, sprecht mit keinem Spanier und am Ende erzählt ihr der Welt, dass das Reisen ja auch nichts kostet. Das geht alles umsonst. Natürlich, wenn die Kosten für Eure Anwesenheit die anderen übernehmen. Wie ist das möglich? So sehr ich mich anstrenge, wie soll ich ein anderes Wort finden als Ignoranz?

Und dann sind da die anderen. Die, die sich beschweren. Denn der Andalusier, egal ob Hotelwirt, Cafébesitzer, Fitness-Studiobertreiber, Touristeninformationsmensch oder Beamter, nein, der Andalusier spricht kein deutsch. Auch kein englisch. Oder französisch. Er spricht spanisch. Mit Dialekt. Er wohnt da ja, was soll er sonst sprechen? Und er muss auch nichts anderes können. Warum sollte er (außer er hätte total Lust dazu) ?
“Eva, kannst Du denn spanisch?” “Mittlerweile ein bißchen, ja, schon. Es ist genug, um mich ein bißchen zu unterhalten und jeden Tag lerne ich ein bißchen mehr.” “Gut.”
Wir haben das Wort besprochen und darüber diskutiert, es gibt kein anderes. Das, was ich mir als Haltung wünsche, vorstelle und womit sich alle Türen öffnen, ist sicher Freundlichkeit, aber vor allem (nur ein kleines bißchen) Demut. Aber Du wirst recht haben, mein Freund, Menschen in unserem Land (über andere Länder und deren Menschen kann ich schlecht urteilen) unter dreißig kennen dieses Wort nicht. Sie kennen Ansprüche, Forderungen, sicher auch Flexibilität, Kampfgeist oder Toleranz, aber Demut?
Zweimal habe ich diesen Gedanken in meinem Umfeld bereits geäußert, ich erntete zwei spontane Ausrufe. “Ha! Demut? Eva, Demut?” …und dazu einen Hinweis auf meine Naivität. :-) Aber ich halte daran fest. An meinen Werten und meinem Respekt gegenüber dem anderen Individuum, das lebt, das kämpft, das die Begriffe der Empathie, der Höflichkeit und der Distanz noch kennt.

Auf Reisen hat man ja den nötigen Abstand, um Wertesysteme zu überdenken, Perspektiven neu zu justieren und Fragen zu stellen. Sich selbst und der Welt. Nicht nur in Ablehnung, ganz im Gegenteil. Wer dazu das Privileg hat, einen Sinn in sich und seinem Handeln jenseits einer Leistungsanforderung oder einer Aufgabe zu sehen und zu verstehen, der ist ein Glückskind.

Nichts ohne Euch

Posted on 15. November 2016

Sonne, Sonne, Sonne, Wärme, Wellen. Es ist so schön da am Atlantik. Klar. Die Menschen sind anders, sie sind nicht so materiell, nicht so sehr in den Mühlen der Maschinerie gefangen, es ist da alles noch ein bißchen realer als hier. Es ist warm, und jeder Morgen, wenn die Sonne, die Ruhe und das Licht langsam in den Tag sickern, ist einzigartig. Man braucht nicht viel. Freundlichkeit, Tortilla, ein bißchen Spaß, Natur, surfen, und das alles weit weg von dem Genörgel, der Engstirnigkeit, den unfassbaren Preisen für das Leben in Hamburg. Kein Lärm, keine Angst, keine Anspannung. Klingt paradiesisch, oder? Klar. Aber hey – Es ist nichts ohne Euch. Ich bin nichts ohne Euch und die kleinen feinen Momente außerhalb der Alltagsrealität. Kristallklare Erkenntnis. Nichts ohne Euch und was uns ausmacht.
It’s a long way to the top.

Yesss! Yes, and se room service is not good!

Posted on 1. November 2016

Am Strand von El Palmar. Vor Dir tausende Kilometer Atlantik und endloser Strand. Dafür kommt ihr doch her. Deutsche. Lehrer. Deutsche Lehrer. Aktivurlauber. Fahrradfahrer. Rentner.
“Listen! We are here now and it’s not good! We don’t have German television! And se roomservice is not good. Ser must be German television! I pay you a lot of money for se room. Yes. Yes. Ok. Goodbye.”

In Andalusien weg vonner Küste

Posted on 1. November 2016

Wir machen uns auf den Weg. Über Tarifa und Gibraltar weg von der Küste in die Berge. Vor Jahren war ich mal in Monaco. In Monaco ist mir ob der Enge des Ortes und des aufeinander gestapelten “Reichtums” körperlich schlecht geworden. Die weitere Ausführung wird vom Mantel des Schweigens verhüllt. In Gibraltar war natürlich von Reichtum keine Spur, aber die Stadt rief Ähnliches in mir hervor, mir wurde einfach ganz anders. Grauenhaft! Wie kann man nur! So eng und schlimm und stinkend und unfreundlich! Die Grenzkontrollen haben das jetzt auch nicht besser gemacht. Raus also aus der Betonwüste, in der einem trotz der Hitze ganz kalt wird. Schüttel.
Weg von der Küste und rein ins Land.

Im Landesinneren winden sich die Straßen hoch in die Sierra de las Nieves. Da war es schön. Da gab es auch die Bergdörfer, klar, die berühmten weißen Dörfer… und Adler. Aber im Winter gibt es hier eben auch keine Heizung in den Häusern, und in den Bergen wird es kalt und feucht. Also frieren die Leite hier dann eben rum. Wir fahren durch Regen und Wolken, die Sicht beträgt unter 50 Meter.
An der Küste haben wir diese Tage noch 25-30 Grad, aber in den Wolken in den Bergen sieht das anders aus. Die Landflucht scheint groß, wer 50 ist, ist hier jung. Die Sierra de las Nieves liegt auf dem Weg nach Granada aber auch irgendwann hinter uns, und das Bild des Landes ändert sich dramatisch.
Alles liegt voller Müll, wirklich alles. Überall, alles voll! Hausmüll, Möbel, Abfälle aus der Landwirtschaft aller Art, Folien, Verrottendes, Plastik in Massen. Durchzogen von kargen Hügeln oder dem Anbau im großen Stil ist das ganze Land übersäht mit Monokultur in ihrer schlimmsten Form, riesige Felder und Plantagen von Oliven, Orangen und Baumwolle, über unendliche Kilometer. Von Schönheit muss dieser Anblick auch dem pragmatischsten Menschen weit entfernt liegen. Das Gemüse liegt unter Folientunneln, die Orte, die in der Karte verzeichnet sind, sind oft gar keine Orte sondern einfach Fabriken. Olivenöl in Massenproduktion, Orangen, Oliven, Orangen, Oliven.

Córdoba ist wirklich schön. Die Mezquita ist so zutiefst beeindruckend, dass Worte viel zu wenig sind.

Auch Antequera ist schön, eine Kleinstadt irgendwo in Andalusien. Die Menschen sind so freundlich hier. Niemand spricht auch nur ein Wort Englisch, und wir werden wie selbstverständlich willkommen geheißen. Man registriert uns und nimmt uns auf. Ein echtes Erlebnis ist es, durch diese kleinen Dörfer und winzigen Städte zu joggen. Ich werde angestarrt wie eine Erscheinung, sie sind belustigt, verstört, höflich und freuen sich, alles auf einmal. Ich mache Liegestütze an einer kleinen Mauer in Antequera. “Ahhhhhh! Una mujer fuerte!” Poco a poco!

Sevilla hingegen ist sehr sehr anstrengend. Die 30 Grad in der Stadt Ende Oktober helfen dabei, mir jegliche Energie abzuverlangen. Klar ist es schön hier. Imposant. Aber nichts für uns. Wir suchen keine Städte im Moment. Auch wenn der Plaza de Espana mehr als beeindruckend ist. Errichtet 1929 zur iberoamerikanischen Ausstellung. Wollen wir auch um den Platz rudern?


Wir suchen das Land und die Menschen. Und die gibt es doch viel besser in Zahara de los Atunes. Es ist so schade, dass diese wunderbaren Orte so ausgeschlachtet werden. Die Zahlen des Tourismusses steigen jedes Jahr rasant, und ich kann es nicht begreifen, dass alle nur den Abklatsch der Postkarten sehen wollen. Sie lächeln dabei nicht. Und sie freuen sich auch nicht.
Aber das soll mich nicht kümmern. Zurück an der Küste ist es doch schön. Auch, wenn wir zeitgleich mit einem gewaltigen Sturm ankommen. Und ohne Wellen. Nichts ist perfekt im Leben.

 

Andalusien

Posted on 21. Oktober 2016

“Ach, Andalusien! Das ist so toll, da ist es so schön.” “Nein, nach Andalusien fährst Du? Da bin ich ja richtig neidisch, das ist sooooo toll.” “Krass, in Andalusien kann man wirklich jeden Tag surfen, das ist so klasse und hat ideale Bedingungen.” “Joa, Andalusien is’ cool, und am Leuchtturm ist ein gutes Riff, und Alex ist auch nett.” “Andalusien ist der Knaller, superschön und zum Surfen ideal.”

Wo, und ich frage nochmal, WO wart ihr?

Nach zwei Wochen komme ich nach Andalusien, erklärtes Ziel war El Palmar. Darüber hatte ich soviel gehört. Womit ich wieder am Anfang bin: “Ach Andalusien! Das ist so toll, da ist es so schön….” Wie heißt es doch? Es ist ja immer subjektiv. Ja, in Andalusien hat an der Atlantikseite einen endloser Strand. Und wenn man verbrannte Erde, viel viel Müll und krachende Beachbreaks mag, dann ist das hier ganz fantastisch. Klar, warm ist es auch. Es ist Oktober und Sommer mit lauen Winden. Und das Meer ist immer wunderbar. El Palmar hingegen wird sich auch meinem (subjektiven) Urteil stellen, und es ist furchtbar. Zutiefst verwirrt lese ich im Internet ein paar Artikel über diesen Ort und ganz langsam schiebt sich das Bild wieder gerade. Es ist ein himmelweiter Unterschied zwischen einem El Palmar vor zwei Jahren und heute. Gerade habe ich ein Interview gelesen über die Gentrifizierung von Surforten. Am Anfang entdeckt jemand einen Spot, es ist ein Secret Spot. Vielleicht schafft es ein Foto des Secret Spots in ein Surfmagazin und drunter steht dann “Andalusien, Secret Spot”. Aus dem Secret Spot wird dann ganz langsam ein Geheimtipp. Vielleicht gibt es eine Bretterbude, die Kaffee verkauft, irgendwo einen Parkplatz und einen Weg zum Strand. Es werden mehr Leute kommen, der Geheimtipp spricht sich rum. Die zweite Surfschule eröffnet, ein Café, ein Boardverleih, ein kleines Restaurant kommen dazu.
Mit Glück bleibt es so, weil die Anreise zu unwegbar ist, weil es total kalt ist, wie an vielen Orten in der Bretagne oder in Schottland, diese kleinen Perlen werden immer klein bleiben. Hier ist es natürlich nicht so. Nach dem Geheimtipp wird aus dem Spot ein Topspot, und dann ist es so wie hier:
Ca. 10 Surfschulen vor Ort, alle anderen von der Küste kommen ebenfalls, Partyort am Wochenende, volles Line-up, alles voller Abfall, der Müll wird nicht beseitigt, ganze Cafés sitzen im Abfallgestank, je nachdem, woher der Wind weht. Keine Surfetikette, Stand-up-Paddler, unfassbar hohe Preise, doppel und dreifach mehr als zwei Orte weiter, schlechtes Essen, unfreundliche Menschen. Die hochgelobte und viel gefeierte Surfschule, bei der ich Einzelcoaching buchen will, ruft nicht zurück.
Ein echter Kulturschock. Fluchtartig verlasse ich El Palmar, aber ich weiß nicht, wohin.
30 Kilometer weiter finden wir Zahara de los Atunes, ein kleines Örtchen voller wunderbarer Menschen und einem menschenleeren Strand. Mehrere Tage sind wir völlig alleine im Wasser.
Barbate liegt 12 Kilometer weiter, ca. 25.000 Einwohner und sehr lebendig. Englisch wird nicht gesprochen, andere Fremdsprachen auch nicht. Ich lerne Spanisch beim Sprechen. Inklusive Dialekt. Nicht-spanische Touristen sind ebenfalls nicht vorhanden. Wir sind Exoten und sehr willkommen.

Ein echtes Highlight ist der Indoor-Ciclio-Kurs, der zweimal die Woche in einem winzigen Fitness-Studio in Barbate stattfindet. Für 4,00€/Kurs darf ich teilnehmen, alle freuen sich, und ich mich erst. Ich könnte mich wegschmeißen, es ist hochgradig amüsant, wahnsinnig liebenswert und sehr anstrengend. Die Trainerin Paqui ist super und wir haben trotz der Sprachbarrieren viel Spaß. So funktioniert  Integration. Das Abstrahieren dieser These überlasse ich Euch.

Die Reise hierher war wunderbar. Anstrengend, ohne Zweifel, aber wunderbar. Die Route: Hamburg, Haltern am See, Iwuy, Pont-l’Eveque, Plouharnel und Quiberon, Pont-Aven bei La Rochelle, Capbreton, Bakio (bei Bilbao), Oyambre, Salamanca, Monisterio (vor Sevilla), El Palmar beziehungsweise der Nachbarort Zahara de los Atunes. Amiens lag auf der Route ebenso wie Bayonne, tolle Städte, voller Licht, Farben und plätschernder Zuversicht. Leider war es Mitte Oktober schon so kalt im Baskenland und in Kantabrien, wir wollten dort bleiben, es war traumhaft schön. Wie Nordküsten eben so sind. Das französische Baskenland hat mich beeindruckt, die Bretagne sowieso. In Messanges bin ich eine perfekte grüne Welle gesurft.
Ich hatte gehofft, es geht hier so weiter, aber wir müssen sie erst noch für mich finden.
Noch immer hat mein Geist die Anspannung nicht abgelegt. Wieviel Zeit das braucht!

Heckenbraunelle

Posted on 18. Juli 2016

Donnerstag hat sich ein Vogel in unserem Treppenhaus verirrt, er ist vor mir zur Haustür herein geflattert und floh vor mir riesigen Menschengestalt. Die Tür war offen wegen der Bauarbeiter, die die wohlbekannte Ordnung durcheinander bringen. Er war wie Vögel eben sind: klein, ängstlich, er zitterte, hatte Herzrasen und flog nach oben. Sie fliegen instinktiv immer nach oben auf der Suche nach einem Ausweg. Schönes Bild. Ich hab mir so viel Mühe gegeben, ihn zu retten, ich hatte ihn schon zu fassen und dann ist er mir aus den Händen gehüpft, wer weiß schon, wie fest man ihn halten darf? Er hatte solche Angst. Alle Fenster waren auf, er hätte nur rausfliegen müssen, aber er hat die offenen Fenster nicht gesehen, nur mich, vor der er Angst hatte. Die Metapher könnte einen ja nicht deutlicher anspringen. Er sah nur, wovor er floh aber nicht die unzähligen Wege in die Freiheit seiner Baumkronen. Ich konnte ihn am Ende rausschubsen. Manchmal reicht das ja schon. Schön, wenn einen jemand schubst. Heute hab ich ihn im Vogelbuch nachgeschlagen. Es war eine Heckenbraunelle.