“Ach, Andalusien! Das ist so toll, da ist es so schön.” “Nein, nach Andalusien fährst Du? Da bin ich ja richtig neidisch, das ist sooooo toll.” “Krass, in Andalusien kann man wirklich jeden Tag surfen, das ist so klasse und hat ideale Bedingungen.” “Joa, Andalusien is’ cool, und am Leuchtturm ist ein gutes Riff, und Alex ist auch nett.” “Andalusien ist der Knaller, superschön und zum Surfen ideal.”

Wo, und ich frage nochmal, WO wart ihr?

Nach zwei Wochen komme ich nach Andalusien, erklärtes Ziel war El Palmar. Darüber hatte ich soviel gehört. Womit ich wieder am Anfang bin: “Ach Andalusien! Das ist so toll, da ist es so schön….” Wie heißt es doch? Es ist ja immer subjektiv. Ja, in Andalusien hat an der Atlantikseite einen endloser Strand. Und wenn man verbrannte Erde, viel viel Müll und krachende Beachbreaks mag, dann ist das hier ganz fantastisch. Klar, warm ist es auch. Es ist Oktober und Sommer mit lauen Winden. Und das Meer ist immer wunderbar. El Palmar hingegen wird sich auch meinem (subjektiven) Urteil stellen, und es ist furchtbar. Zutiefst verwirrt lese ich im Internet ein paar Artikel über diesen Ort und ganz langsam schiebt sich das Bild wieder gerade. Es ist ein himmelweiter Unterschied zwischen einem El Palmar vor zwei Jahren und heute. Gerade habe ich ein Interview gelesen über die Gentrifizierung von Surforten. Am Anfang entdeckt jemand einen Spot, es ist ein Secret Spot. Vielleicht schafft es ein Foto des Secret Spots in ein Surfmagazin und drunter steht dann “Andalusien, Secret Spot”. Aus dem Secret Spot wird dann ganz langsam ein Geheimtipp. Vielleicht gibt es eine Bretterbude, die Kaffee verkauft, irgendwo einen Parkplatz und einen Weg zum Strand. Es werden mehr Leute kommen, der Geheimtipp spricht sich rum. Die zweite Surfschule eröffnet, ein Café, ein Boardverleih, ein kleines Restaurant kommen dazu.
Mit Glück bleibt es so, weil die Anreise zu unwegbar ist, weil es total kalt ist, wie an vielen Orten in der Bretagne oder in Schottland, diese kleinen Perlen werden immer klein bleiben. Hier ist es natürlich nicht so. Nach dem Geheimtipp wird aus dem Spot ein Topspot, und dann ist es so wie hier:
Ca. 10 Surfschulen vor Ort, alle anderen von der Küste kommen ebenfalls, Partyort am Wochenende, volles Line-up, alles voller Abfall, der Müll wird nicht beseitigt, ganze Cafés sitzen im Abfallgestank, je nachdem, woher der Wind weht. Keine Surfetikette, Stand-up-Paddler, unfassbar hohe Preise, doppel und dreifach mehr als zwei Orte weiter, schlechtes Essen, unfreundliche Menschen. Die hochgelobte und viel gefeierte Surfschule, bei der ich Einzelcoaching buchen will, ruft nicht zurück.
Ein echter Kulturschock. Fluchtartig verlasse ich El Palmar, aber ich weiß nicht, wohin.
30 Kilometer weiter finden wir Zahara de los Atunes, ein kleines Örtchen voller wunderbarer Menschen und einem menschenleeren Strand. Mehrere Tage sind wir völlig alleine im Wasser.
Barbate liegt 12 Kilometer weiter, ca. 25.000 Einwohner und sehr lebendig. Englisch wird nicht gesprochen, andere Fremdsprachen auch nicht. Ich lerne Spanisch beim Sprechen. Inklusive Dialekt. Nicht-spanische Touristen sind ebenfalls nicht vorhanden. Wir sind Exoten und sehr willkommen.

Ein echtes Highlight ist der Indoor-Ciclio-Kurs, der zweimal die Woche in einem winzigen Fitness-Studio in Barbate stattfindet. Für 4,00€/Kurs darf ich teilnehmen, alle freuen sich, und ich mich erst. Ich könnte mich wegschmeißen, es ist hochgradig amüsant, wahnsinnig liebenswert und sehr anstrengend. Die Trainerin Paqui ist super und wir haben trotz der Sprachbarrieren viel Spaß. So funktioniert  Integration. Das Abstrahieren dieser These überlasse ich Euch.

Die Reise hierher war wunderbar. Anstrengend, ohne Zweifel, aber wunderbar. Die Route: Hamburg, Haltern am See, Iwuy, Pont-l’Eveque, Plouharnel und Quiberon, Pont-Aven bei La Rochelle, Capbreton, Bakio (bei Bilbao), Oyambre, Salamanca, Monisterio (vor Sevilla), El Palmar beziehungsweise der Nachbarort Zahara de los Atunes. Amiens lag auf der Route ebenso wie Bayonne, tolle Städte, voller Licht, Farben und plätschernder Zuversicht. Leider war es Mitte Oktober schon so kalt im Baskenland und in Kantabrien, wir wollten dort bleiben, es war traumhaft schön. Wie Nordküsten eben so sind. Das französische Baskenland hat mich beeindruckt, die Bretagne sowieso. In Messanges bin ich eine perfekte grüne Welle gesurft.
Ich hatte gehofft, es geht hier so weiter, aber wir müssen sie erst noch für mich finden.
Noch immer hat mein Geist die Anspannung nicht abgelegt. Wieviel Zeit das braucht!