17. November 2016

Manchmal stelle ich mir vor, dass eines Tages mein Tagebuch gefunden wird, das ich so sagenhaft unregelmäßig geführt habe. Und plötzlich öffneten sich Universen des Verständnisses für ganze nachfolgende Generationen in Hinblick auf die nie vorhersehbaren Handlungen der E.-M. Mallmann. Weil ich ja auch so schwer zu durchschauen bin. Nun, natürlich stecken in dieser Version gleich zwei falsche Annahmen. Die erste bezieht sich auf die Wichtigkeit meiner Person für die Welt. Die zweite auf die Notwendigkeit des geschriebenen Wortes zur Entschlüsselung unser Wesen in der Zukunft. Niemand kann noch ernsthaft daran zweifeln, dass wir Algorithmen sind, gläsern und berechenbar. Vielleicht eine logische Konsequenz, am Ende die Unwichtigkeit des Einzelnen in eine grafische Darstellung zu überführen. Hinsichtlich der Begeisterung, mit der die Menschheit diese algorithmischen Aufzeichnungen bedient, frage ich mich, wie es im Gegenzug dazu kommt, dass die einzelnen Plagegeister sich so unfassbar wichtig vorkommen. Auf Reisen wird diese Tatsache deutlicher als irgendwo sonst.

Klar, wenn man aus dem Alltagsnebel zurücktritt, dann wird das Bild klarer. Auch, wenn es mich nicht überrascht, so staune ich, wobei mir unklar ist, wo bei den Verhaltensauffälligen die Grenze zwischen Unsicherheit und Ignoranz verläuft. Die Episode “se roomservice is not good” ist ja nur ein Bruchteil. In El Palmar treffe ich Deutsche in VW-Bussen aus Kiel, Würzburg, Eckernförde, Göttingen. Sie stehen an der Promenade mit ihren Mobilen, aufgebaut im Quarree, in der Mitte ein wackenähnliches Arrangement. Ich frage, ob sie schon länger da sind. Ein selbstgefälliges Grinsen: Ja, jetzt seit drei Wochen. Im Winter macht hier ja keiner Stress, wenn Du hier stehst.” Schon klar, darum geht es natürlich. Is klar. Ihr steht da, blockiert die Parkplätze, pinkelt den Ort voll, verteilt wegfliegenden Müll und Kippen, sprecht mit keinem Spanier und am Ende erzählt ihr der Welt, dass das Reisen ja auch nichts kostet. Das geht alles umsonst. Natürlich, wenn die Kosten für Eure Anwesenheit die anderen übernehmen. Wie ist das möglich? So sehr ich mich anstrenge, wie soll ich ein anderes Wort finden als Ignoranz?

Und dann sind da die anderen. Die, die sich beschweren. Denn der Andalusier, egal ob Hotelwirt, Cafébesitzer, Fitness-Studiobertreiber, Touristeninformationsmensch oder Beamter, nein, der Andalusier spricht kein deutsch. Auch kein englisch. Oder französisch. Er spricht spanisch. Mit Dialekt. Er wohnt da ja, was soll er sonst sprechen? Und er muss auch nichts anderes können. Warum sollte er (außer er hätte total Lust dazu) ?
“Eva, kannst Du denn spanisch?” “Mittlerweile ein bißchen, ja, schon. Es ist genug, um mich ein bißchen zu unterhalten und jeden Tag lerne ich ein bißchen mehr.” “Gut.”
Wir haben das Wort besprochen und darüber diskutiert, es gibt kein anderes. Das, was ich mir als Haltung wünsche, vorstelle und womit sich alle Türen öffnen, ist sicher Freundlichkeit, aber vor allem (nur ein kleines bißchen) Demut. Aber Du wirst recht haben, mein Freund, Menschen in unserem Land (über andere Länder und deren Menschen kann ich schlecht urteilen) unter dreißig kennen dieses Wort nicht. Sie kennen Ansprüche, Forderungen, sicher auch Flexibilität, Kampfgeist oder Toleranz, aber Demut?
Zweimal habe ich diesen Gedanken in meinem Umfeld bereits geäußert, ich erntete zwei spontane Ausrufe. “Ha! Demut? Eva, Demut?” …und dazu einen Hinweis auf meine Naivität. :-) Aber ich halte daran fest. An meinen Werten und meinem Respekt gegenüber dem anderen Individuum, das lebt, das kämpft, das die Begriffe der Empathie, der Höflichkeit und der Distanz noch kennt.

Auf Reisen hat man ja den nötigen Abstand, um Wertesysteme zu überdenken, Perspektiven neu zu justieren und Fragen zu stellen. Sich selbst und der Welt. Nicht nur in Ablehnung, ganz im Gegenteil. Wer dazu das Privileg hat, einen Sinn in sich und seinem Handeln jenseits einer Leistungsanforderung oder einer Aufgabe zu sehen und zu verstehen, der ist ein Glückskind.