„Drah di nei! Svenia, drah di nei!“ Ich muss so lachen, dass ich Wasser schlucke – und lange huste. „Stefan, das wird sie nicht verstehen. Svenia kann keinen Dialekt.“ „Ja, äh…“ „Aber sie weiß bestimmt, dass Du es gut meinst.“

Sonntag morgen um 8 Uhr geht es los. „Wir gehen jetzt erstmal surfen und dann erzähl ich Euch, was wir die Woche über so machen.“ Also los zur Punta Blanca. Wir sollen zeigen, was wir können. Es ist wild, es ist groß, es ist Strömung, paddeln, paddeln, paddeln, wie die Punta eben so ist. Es ist schön. Wieder da draussen, wieder surfen. Angie sitzt auf dem Autodach und filmt, damit wir später eine Videoanalyse machen können. Oder sie winkt, falls wir uns falsch positionieren. So richtig im Flow sind wir nämlich noch nicht, aber es ist ein Anfang. Ein Anfang einer intensiven Woche.

Was für eine Woche! Jeden Tag surfen, jeden Tag Theorie, 3x Yoga, 2x Drysurf, 1x carvern, 1x longboarden in der Rampe. So der Plan. Am ersten Abend finden wir uns also beim Yoga wieder, die Schultern sind müde, es ist anstrengend aber macht glücklich, denn es heißt wieder: „Fly into Chatturanga!“ Ich liebe es. Und wie immer fühlt man sich danach etwas wie Pudding. Bevor ich anfing mit surfen, habe ich nie Yoga gemacht, und lange blieb ich skeptisch. Aber es ist nicht nur die Beweglichkeit, auf die diese Kunst Einfluss nimmt, es ist eben tatsächlich auch die Atmung und der Geist. Wenn der Körper und das Gehirn in ihren Handlungen nicht ganz harmonieren, werden die Yoga-Stunden bei Erika zu ihrer Zusammenführung einen entscheidenden Beitrag leisten.

Am Abend werden wir von Angie darauf eingeschworen, eine Gruppe zu sein, Energie und Wissen in einen Topf zu werfen, aus dem wir uns bedienen können. Jeder geht mit anderem Fokus und anderen Trainingsschwerpunkten in die Session, aber jeder von uns hat ebenso viele Fähigkeiten, von denen wir als Team profitieren. Und es funktioniert. Svenia ist die Ruhe selbst, Stefan ist es gewohnt, sich in fremden Spots zurecht zu finden, Torsten hat ein gutes Gefühl für die Positionierung in der Welle, und ich stehe bereit für die Orientierung und Fragen in Sachen Fitness.

Alle Fragen des Lebens, die uns zuhause beschäftigen, alle Widersprüche, alle Ideen von uns selbst und alle Befindlichkeiten treten ab Sonntag abend für fünf Tage in den Hintergrund, denn es geht nur um eines: Surfen.
Ein wenig kratzt es ja schon am Ego, die eigenen Defizite so kristallklar aufgezeigt zu bekommen. Aber dafür bin ich ja hier. „Ist Euch das Programm zu viel in fünf Tagen?“ fragt Tobi. Nein, ich will so viel und intensiv arbeiten, wie ich kann. It’s a long way to the top if you wanna rock’n'roll.
Also los. Wir werden die richtige Paddeltechnik lernen, werden ein besseres Gefühl für Strömung, Wellen, Vorhersagen, den Wind, die Gezeiten, die anderen Surfer, den Ozean und das Surfbrett bekommen, wir werden den Take-off verbessern, an Beweglichkeit und Balance arbeiten, stärker werden, ein permanentes Bewusstsein entwickeln und dauerhaft ermahnt werden, uns im Line-up zu benehmen – aber auch zu behaupten.

Montag und Dienstag surfen wir die Caleta, und in dieser Welle lerne ich viel. Wir fahren Turns, erkämpfen uns erste Erfolge und ganz langsam wird der Weg zum nächsten Level klarer. Die Gruppe funktioniert gut, die Kommunikation im Wasser auch. Daher ist es fast selbstverständlich, dass wir zusammen im Line-up sitzen und uns gegenseitig in die Wellen schicken. Also Svenia, „drah die nei!“

Und dann zurück zum Freshsurf Headquarter,
„Put your damned back foot down! Now!“ Drysurf. Gleichgewicht, Position auf dem Brett, Bewegungsmuster, Finetuning, Take-offs. Diesmal fordert Cristiano alles. Ich hab nicht gezählt, aber ich schätze, ich habe 60 Take-offs auf dem Fish gemacht. „Don’t stop!“ Die Hüfte gerade! Das Gewicht nach vorn! Nimm die Arme mit! Lass den hinteren Fuß unten! Dreh den vorderen weiter nach innen! Den hinteren öffnen! Wo ist Dein Schwerpunkt? Wohin geht Dein Blick?

Langsam merke ich aber auch, wie intensiv die Woche wirklich ist. Da wir Nachhilfe im Lesen des Forecast bekommen und Magic Seaweed bald wie ein offenes Buch vor uns liegt, ist klar, dass wir fünf Tage ohne Pause durchziehen, denn ab Freitag kommt der Sturm aus dem Norden, so dass ich mich ein Wochenende lang wieder wie zu Hause fühle, denn genauso sind die stürmischen Frühsommertage an der Nordsee. Der Himmel wird dunkel, die Gischt fliegt und die Brandung donnert auf den Strand.

Schon Mitte der Woche werden die Bedingungen schwierig, und daher endet die Spotsuche am Mittwoch nach den Drysurf- und Carver-Sessions am Strand. Es ist unfassbar, wie man sich nach dreieinhalb Tagen mit stetiger Lernkurve schlagartig wieder wie ein totaler Anfänger fühlen kann. Ich traue mich ganz schlicht und ergreifend nicht. Schon die erste Welle katapultiert mich mit Macht senkrecht nach unten, nach drei Überschlägen tauche ich japsend wieder auf. Ich kann die kleinen Wellen nicht von den großen unterscheiden und die Strömung zieht unerbittlich. Ich will das nicht. Also setze ich mich an den Strand, bald setzt Svenia sich dazu. Gesurft ist heute keiner. Aber auch das gehört dazu. Es geht nie einfach so geradeaus. Nicht im Leben und nicht beim Surfen. Manchmal sind die Kräfte des Ozeans einfach zu stark.

Aber dann ist die Zeit doch wieder geflogen. Hätte man mir am Donnerstag früh gesagt, ich würde mittags alleine in der Halfpipe longboarden, hätte ich wahrscheinlich mal kurz laut gelacht. Aber weil Carl so ein toller Longboarder und ein ebenso toller Trainer ist, geschieht es tatsächlich. Wir springen auf dem Board um 180°, wir lernen professionelles Kurvenfahren, üben den Cross-Step und fahren in der Miniramp. Genau wie am Mittwoch lösen sich alle Blockaden, nachdem das Board mal wieder unter mir wegschießt und ich sehr unsanft auf meinem Hintern lande. Weiter geht’s. Und dann ist alles gut, furchtlos und frei.

Am Ende schienen die Tage nicht genug helle Stunden zu haben. So schlecht ist es gar nicht, dass der Sturm ab Freitag mit Macht in den Palmen rauscht, das Gehirn nutzt die Pause, um die neuen Bewegungsmuster zu verarbeiten. Das Fazit fällt trotz einiger persönlicher oder naturbedingter Hindernisse bei jedem positiv aus. So wie wir alle auch jeden Tag mit eigenen Aufgaben ins Wasser gingen, besprechen wir einzeln, wie es für jeden von uns weitergeht und welchen Herausforderungen wir uns in Zukunft stellen. Wir freuen uns drauf, vielleicht shredden wir ja mal wieder gemeinsam.
Und auch wenn es mal nicht so gut läuft, haben wir hier jeden Tag die Chance, uns in die Wellen zu stürzen und da draussen zu sein. Welch unschätzbares Privileg.

 

- Danke, Svenia, für die Bilder. Ich war mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt.

Kia ora!