Yoho, yoho, Piraten haben’s gut!

26. März 2012

Jetzt weiß ich wieder, was mir gefehlt hat: Ryan-Air fliegen!
Es wäre äußerst bitter, sollte dieses System je abgeschafft werden. Nie wieder wäre fliegen so sehr wie Busfahren. Nur servicefreier.
Über vieles lässt sich gelassen hinwegsehen. In Bremen angekommen durchschreitet man die gastliche Abflughalle und sucht nach den Ryan-Air-Schildern. Ah, da! Alle Zeichen weisen nach unten, in den Keller. In den Kellerräumen angekommen empfängt uns? Der Keller. Die Schalterfrau begrenzt ihren Redeschwall auf ein Minimum, sparen, sparen, überall!
Da wir nur die Assa Kju gebucht haben, müssen wir uns natürlich in die Assa Kju stellen. Die Priority Boarding Queue hingegen ist im Laufe der Ryan-Air Jahre schon auf die Länge der Assa Kju angewachsen, und da fast alle gleichzeitig das Flugzeug betreten, herrscht natürlich im Flieger ein höchst amüsantes und kaum verhinderbares Chaos.
Eine Frau versteckt ihren Handgepäck-Koffer beim Betreten hinter dem ersten Sitz, den sie sieht und wird ermahnt, es mitzunehmen. Ach, sie dachte wohl, das ist hier wie im Bus. Nach 15 Metern fällt ihr dann ein, dass sie wieder umkehren möchte, dreht sich um und sieht in die Gesichter aller anderen Passagiere, die hinter ihr im Gang stehen. Ich frage sie, was ich ihrer Meinung nach jetzt tun soll, da ich mich nicht aufs Verdampfen verstehe oder ob ich lieber durch sie durch diffundieren soll. Sie beugt sich in eine Sitzreihe hinein und drückt dabei einem erschreckten jungen Mann ihren üppigen Busen glatt ins Gesicht.
Die allerletzten Familien finden natürlich nur noch Einzelplätze vor, und in dem Versuch, fremde Fluggäste hin und her zu sortieren bis doch noch zusammenhängende Plätze entstehen, schieben sich Leute mit Rucksäcken auf ihren Rücken aneinander vorbei („tschuldigung, oh, ja, tschuldigung, oh…“) und kurzzeitig haben viele Leute immer die Rucksäcke der anderen im Gesicht.
Wer dabei nicht an Loriot denkt, wenn der Sitznachbar versucht, mit Kraft eine Haribo-Tüte aufzureißen, dem fehlt ein Stück Kulturgeschichte.

Aber jetzt sind wir unterwegs in den Süden und strahlend gibt es nur eins zu vermelden: Sobald wir portugiesischen Boden betreten, kann uns keiner mehr was.

 „…THERE’S A NEW DAY RISING AHEAD, YEAH YEAH YEAH!“ (The Answer)

Mit an Bord ist auch ein Mann, der aussieht wie eine Erdbeer-Sahne-Torte. Und wie immer beschert Fliegen träge Geistesblitze:
„Ich fühl mich hier 10 Kilo leichter und ich alter auch nicht so schnell.“

27.4.2012

Dieses wunderschöne Land!

So im Nachhinein – natürlich hab ich schon viel erlebt. Vielleicht wünscht sich jeder Mensch an einem bestimmten Punkt, mehr aus seinem Leben zu machen. Für jeden bleibt etwas liegen, und nicht jeder hat immer alle Mittel, seine Vorstellungen zu realisieren und er schließt Kompromisse. Vor Jahren noch konnte ich mit Bestimmtheit sagen, wie mein Leben aussehen sollte und wie nicht, aber die Ideen beginne im Laufe der Zeit zu verschwimmen und sich zu verändern, und wenn ich loslasse, dann blicke ich in ein Dickicht aus Träumen, Erlebtem und Zielen, die sich dann wieder Stück für Stück entwirren.

Unverrückbar steht nur der Rhododendron in einem Garten, der Flieder blüht und der Kater sitzt in der Sonne. Unerschütterbare Welten eröffnend ist auch der Frühling in diesem Land.

Wie hätte ich jemals ernsthaft annehmen können, dass es nicht richtig sei, an diesen Ort zurück zu kommen. Die Sonne scheint mir auf den Bauch, riesige Wellen brechen an den Felsen und diesig kündigt sich die Sommerluft an. Es ist so warm!

„ICH HAB ‘NE SONNENBRILLE AUF, WEIL ICH SIE BRAUCH, DIE SONNE SCHEINT MIR AUF DEN BAUCH, SO GEHT`S DOCH AUCH!“ (Farin Urlaub)

Ein erhellender Tag geht zuende. Nach einem ausgesprochen guten Piri-Piri-Hühnchen umfasst das Hühnchen all mein Denken und Tun, und bevor wir vor den hordenartigen Psycho-Deutschen fliehen, die exaltiert über Bindungen sprechen und ihre kreischenden Kinder auf die Menschheit loslassen, sage ich: „Warte, ich gehe noch mal kurz Hähnchen waschen.“
Grillenzirpen geleitet uns zur Surfbar, der zottelige Hund ebenfalls. Mir gefallen die Grablichter, die genauer betrachtet Rohre sind. Der Abend ist warm, die Luft riecht nach Süden, der Bacardi schmeckt super, die Surfer lachen und die Sterne leuchten über dem Atlantik.

Und was macht ihr im verregneten Deutschland?

28.3.2012

  1. Ich glaube nicht, dass es jemanden gibt, der länger als drei Monate ohne Lakritz überleben kann.

  2. Jeder sollte ein Produkt von „Animal“ besitzen. Es ist einfach eine coole Marke.

  3. Amado ist ein toller Strand für einen Surfkurs.

  4. Es gibt Surfschulen, die mittags Surfen und morgens und abends Yoga anbieten.

  5. Portugal riecht nach Blumen.

  6. Auffällig gut aussehende Portugiesen müssen Spanier sein.

  7. Freiheit ist eine persönliche Empfindung. Sie ist ebenso wie Glück an jedem Ort der Erde möglich. Nur nicht für Aboriginees.

  8. Es gibt kein Scheitern. Es gibt lediglich die Ambition, etwas zu versuchen, was möglicherweise keinen Erfolg hat. Reicher, erfahrener und besser macht es sowieso.

  9. Ich bin die geborene Reise-Journalistin.

  10. Sandfüße auf Liegeflächen sind nicht erwünscht.

  11. Der Strand von Castelejo ist immer noch das Paradies…

  12. …ebenso wie es die Costa Vicentina für all die Engländer sein muss, die hier ihren Ruhestand abfeiern. Genauso zerrockert wie ihr eigenes Land ist es allemal.

  13. Der Atlantik.

  14. Die riesigen malerischen Felsen an der wilden Küste.

  15. Die Sonne.

  16. Das Versprechen einer Welt hinter den Türen beengender Räume in Gebäuden und seien sie auch von Architekten entworfen.

  17. Böse Muscheln zerschneiden empfindliche Haut.

  18. Tiefblaue Brandung.

Und was macht ihr im verregneten Deutschland?

„RATTLE YOUR BONES“ (Airbourne)

29.3.2012

Der Himmel ist bedeckt über Sagres, später wollen wir gen Norden aufbrechen. Jack spült am 3. Tag. Es scheint eine unüberwindbare Herausforderung, fast so widrig und gefahrvoll wie die Überquerung des Himalayas.
„Scheiße!“ (-Pause-)
„Oh super, ich kann genauso lange spülen wie das Glas nicht umkippt und hab genau eine Tellerbreite Platz.“
„Ah, dieses schrottige Zeug ist echt lebensgefährlich! Ich verbrüh mir die Füße!“
„Oh Mann!“
„Musst Du etwas gerade lachen? Ich hoffe nicht!“

„Jack, ich hab doch gestern auch gespült!“
„Ja, aber Du musstest auch nicht Pfannen und Töpfe spülen!“

„Wo soll ich den Tisch decken, draussen oder drinnen?“
„Ich bin mittlerweile so angepasst, ich kann überall essen, auch im Eiertopf. Da ist es auch schön warm und nicht so trocken.“

Unser Weg gen Norden bringt uns durch die sanften Hügel des Alentejo. Rinder, Schafe und massenhaft Störche treffen wir auch. Jack verwandelt die Fahrt in eine Suche nach einem Haus, dem schon von außen eventuell eine liebevolle Pflege anzusehen wäre und die Bewohner gerne darin wohnen. Ein Haus, in dem es zur Not auch ein Möbelstück mehr gibt, so dass es darin wohnlich wird. Ich muss lachen, ist das aussichtslos? Jeder Jugendliche muss von hier verschwinden, wenn er bei klarem Verstand ist, denn wer nur einmal mit einem iPhone in Berührung kam, dem muss es dämmern, dass es irgendwo da draussen noch etwas anderes gibt als Oliven- und Orangenbäume, Schafe in Vorgärten und dunkel gestrichene alte Möbelstücke.

Èvora ist Weltkulturerbe der UNESCO. Die Sonne zeichnet eine erste Färbung auf meine helle Haut.

Und was macht ihr im verregneten Deutschland?

Letzter Tag im Süden

Der Gedanke, diesen von Zauberhand erschaffenen Ort wieder zu verlassen, ist erschütternd und kann eine unstete Seele mit Melancholie erfüllen.
Dieser Ort ist unpolitisch, über allem schwebt der Geruch nach Blumen und Meer, fast wie ein Charakterbild. Der Sonntagmorgen ist ruhig, Sagres schläft noch und zu den Füßen meines Felsens liegt der Ozean. Die letzten Tage waren ereignisreich, sie verschwimmen fast in ihrer Dichte.

Èvora ist ein altertümliches kleines Städtchen, doch können wir uns wohl nie daran gewöhnen, dass es als ungeheuer gemütlich gilt, in kahlen weißen Räumen zu sitzen, die absolut servicefrei gehalten werden, sollte man sich erdreisten, irgendwo Gast sein zu wollen und etwas so aufreizendes wie einen Burger zu bestellen.

Nun, die Knochenkapelle in Èvora ist wirklich zutiefst beeindruckend. Die Wände der gesamten Kapelle (und sie ist nicht klein) bestehen aus exhumierten menschlichen Knochen und Schädeln. Als Gebet und Mahnmal für das Leben und die Behandlung der Franziskanermönche zu Zeiten Napoleons steht dieses schaurige Gebilde inmitten der Stadt. Die Skelette entnahm man vom angrenzenden Friedhof. Jack fragt, wieso nirgendwo eine Erklärung dazu abgegeben wird, wie die Ausgrabung Toter innerhalb des katholischen Glaubens zu rechtfertigen sei, da doch die Ruhe der Toten immer als heilig proklamiert wird. Ich habe keine Ahnung, und als wir unseren halbwegs gebildet aussehenden Hotelwirt fragen, stellt sich heraus, dass er auch keine Ahnung hat. Aber er empfiehlt uns eindringlich, besser nicht weiter darüber nachzudenken.

  

Jack auf jeden Fall schwärmt von diesen eindrucksvollen Plattencovern, die hier mit jedem Foto entstehen und wir beide staunen über die linientreue Antizipation des Black Metal.
Nós ossos qui aqui estamos pelos vossos esperamos.“

Zurück in Sagres zu sein fühlt sich ein bißchen so an wie nach Hause zu kommen. Wir bleiben am Ort, langsam wird es geschäftiger, die Saison kündigt sich mit großen Schritten an.
Für mich gibt es kein Halten: ich nehme Anlauf und springe ins Meer.
Und diesmal bleibt es der unsteten, empfindsamen Seele nur, eine Träne aus dem Augenwinkel fort zu schicken. Nichts ist schöner als das Salz des Ozeans, das am Körper piekt. Cuba Libre, Surfmovies und Reggae, eine Landkarte aus Surfspots und das gute alte Klischee.


Ich kann nicht glauben, dass ich zurück nach Deutschland soll. Ich denke, diese Geschichte heißt: „Das Mädchen und der wilde Atlantik.“ Im Herbst soll die Fortsetzung auf Sendung gehen: „Das Mädchen und die Bretter, die die Welt bedeuten. “ Die Abenteuer lauern überall und verändern in winzigen Schritten die Perspektive und den Horizont. Heute abend wird Dorade gegrillt.

Und was macht ihr im verregneten Deutschland?