Heute kannst Du in Dein Buch schreiben, dass Du fleißig warst. Du warst sogar unter der Erde. Ziemlich tief, genau genommen. Du warst im Stollen, hier „Stolln“ genannt, 130 Meter unter dem Berg. Leider haben wir uns verlaufen auf dem Frohnauer Rundweg, er führte in die Irre, und so sind wir den Kilometer mit der 18%igen Steigung leider umsonst hochgelaufen, auch wenn er uns einen schönen Blick auf Annaberg beschert hat.

Alles hier scheint nur von Weitem wirklich ansehnlich, die Häuser, die Landschaft, und fast will ich sagen, auch die Menschen, auch wenn das nicht ganz stimmt. Erstaunt nehme ich wahr, dass ich mich wundere, wenn ich die Sprache wieder als deutsch identifiziere, es fühlt sich beständig so an, als seien wir im nahen Ausland unterwegs.

Wir sind durch die Landschaft gezogen, und weil es weder ein Wanderzeichen für den Rundweg noch Schilder an den Biegungen des Weges gibt, sind wir ellenlang auf der Straße unterwegs, die geradeaus und steil bergan von Ziel wegführt. Das Erzgebirge. Der Boden glitzert, wo auch immer wir uns bewegen und der Wettergott ist uns freundlich gesonnen. Wärme und Sonne bringen die grünen Hügel zum Leuchten und sorgen dafür, dass wir die Berge hochkeuchen.
Auch die Landschaft scheint kaputt zu sein, wie alles im tiefen Ost-Deutschland. Das ist so seltsam, ich wusste gar nicht, dass dieser Eindruck möglich ist. Überall liegen Dinge, die da nicht hingehören. Baumstümpfe, Späne, Dreck, Müll. Es ist schön, aber alles, was nicht das Land ist, ist für meine Augen beinahe hässlich.

Ich habe eine falsche Vorstellung von dem, was uns erwartet. Ich stelle mir große, lichte Besucherzentren vor, aber natürlich ist die Eingangshalle dunkel und gleicht einem Bretterverschlag. Der Weg in den Stolln ist natürlich beeindruckend. In diesen zwei Tagen haben wir zwei Bergwerke besichtigt. Natürlich, was sollen wir auch sonst machen, hier dreht sich alles um den Bergbau, seine Geschichte und seine Tradition. Abgesehen von der Kunst des Klöppelns. Also fahren wir heute mit einer historischen Grubenbahn in den Berg ein. Ein gelernter Bergmann ist unser Führer und in feinstem ehrenfriedersdorfer Dialekt erzählt er uns aus seiner Familiengeschichte, die vom Bergbau geprägt ist, aus der Zeit seines Vaters und Großvaters und zeigt uns die Welt der Geschichte unter Tage mithilfe der Werkzeuge und Maschinen. Es ist liebevoll aufbereitet, der Mann gibt einen tiefen Einblick in seine Welt und die, seiner Menschen und schult das Verständnis für diesen Ort auf der Landkarte. Fast habe ich Tränen in den Augen ob so großer Herzlichkeit.

Sollten wir uns vorher gefragt haben, ob es sich lohnt, dieses Bergwerk auch noch zu besichtigen, da wir ja gestern schon im Besucherbergwerk im Erzgebirgsmuseum mitten unter der Stadt waren, so bin ich jetzt heilfroh, in beiden gewesen zu sein. Das Bergwerk unter der Stadt vermittelt die Beklemmung, die die Arbeit da unten ohne technischen maschinellen Komfort mit sich brachte. Auf schmalsten Fahrten (bergmännisch für „Leiter“) fuhren (bergmännisch für „absteigen“ oder „aufsteigen“) die Bergleute in den Berg ein, die Abfahrt dauerte teilweise mehrere Stunden. Die Temperatur beträgt durchgehend 8-12 Grad, der Sauerstoffgehalt der Luft ist deutlich höher als über Tage. Überall tropft es von den Wänden, Pfützen bilden sich. Die Arbeiter standen manchmal wohl bis zur Hüfte im Wasser. Die Atmosphäre ist dumpf und zeichnet ein deutliches Bild der schrecklichen Bedingungen, die dem Arbeiter so wenig Lohn einbrachten. Von diesem verschwindend geringen Gehalt wurden noch die Witwen unterstützt und die St. Marienkirche gebaut. In der St.Marienkirche ist sogar die geschnitzte Figur des Josef als Bergmann dargestellt.

Es ist gar keine Frage mehr, warum der Bergbauarbeiter als Lichtgestalt in die Geschichte einzieht. Niemand muss so sehr wie sie das Licht verehrt haben.

Viel mehr kann man hier nicht machen. Die zwei Tage sind genau richtig, um alles zu sehen. Und nach der 11 Kilometer langen Wanderung heute, die zu so großen Teilen steil bergauf verläuft, haben wir auch wirklich genug.

Es ist doch unglaublich, was einem hier als Sehenswürdigkeit verkauft wird. Da steht mitten in der Stadt an einer blöden Kreuzung eine Postmeilensäule, der eine ganze Seite in dem Touristen-Buch über Annaberg gewidmet wird, wir stehen davor und fragen uns, ob die das ernst meinen. Klar, ist auch in Ordnung, die Säule gibt die Entfernungen auf eine Achtelstunde genau an. Aber das ausgiebige Staunen bleibt aus. Ähnlich verhält es sich mit der St. Annen-Kirche, die eine uralte Kirche Sachsens ist und eine der größten. Sie beherbergt verschiedenste Altäre, unter anderem einen, der die lokale Handwerkskunst abbildet und keine Heiligenfiguren, das sei etwas Besonderes, heißt es.

Wieder einmal staune ich über die Ungemütlichkeit hier im Osten des Landes. Neonröhren lassen uns entspannt grün aussehen, die Einrichtungen sind entweder verstaubt oder bestehen aus unerfreulichen Holzmöbeln. Ein Stil lässt sich nicht erkennen. Jetzt flackert das Licht. Das bleibt auch so.

Genauso präsentiert sich das Eduard-von-Winterstein-Theater. Im Sonnenschein sähe die Fassade vielleicht gut aus, bei grauem Wetter und frierend, wie wir davor stehen, sehen wir vor allem den leicht ranzigen Mörtel. Aber auf den Spuren des Theaters sind wir nach Annaberg gereist und die Bekanntschaft mit dem Gebäude hat für uns etwas verborgen Erhabenes. Meine Oma hat an diesem Theater gesungen, mein Großvater war hier musikalischer Leiter. In der Straße neben dem Theater haben sie gewohnt. Es ist schön, sich vorzustellen, wie sie in Erwartung eines Operettenabends durch diese Türen ging und sich auf die Aufführung freute. Dass sie über den Marktplatz gegangen ist und vielleicht an den gleichen Orten war wie ich hier in Annaberg. Meine Oma liebte die Operette, und durch ihr Engagement hier am Theater ist diese Stadt unweigerlich mit meiner eigenen Geschichte ein kleines bißchen verbunden.

Seltsamer Gedanke, aber andererseits – dieser Ort hier unten hat eine ganz eigene Sichtweise auf die Geschichte. Genau wie meine Familie.