8. Juli 2012

Riesige Tentakel schillern hellgelb unter der Wasseroberfläche, die Monster wabern dahin. Tausendfach. Oberstes Gebot: nicht reinfallen! Fliegen umschwirren unsere Köpfe, es bleibt nicht aus, sich ein bißchen wie eine Kuh zu fühlen. Das Wetter ist eigenartig zwischen Serejoe und Südschweden, dichter Nebel weicht unter der warmen Sonne erst spät tiefhängender, diesiger Luft. Das Wasser ist spiegelglatt, als wir die Etappe antreten.

In Nyborg war ich auf den Captain getroffen, nach sechsstündiger Zugfahrt mit dänischen Zügen in einem fragwürdigen hygienischen Zustand. Jeder Reisende weiß einfach immer sofort, wann er deutsches Hoheitsgebiet verlässt.
Aber die Hygiene ist ohnehin ein vielschichtiges Thema, passiert man die deutsche Staatsgrenze gen europäisches Ausland. Wir scheinen ungeheuer penibel zu sein. Selbst, wenn es uns dreckig und putzwürdig vorkommt, ist es oft sauberer als in England oder Dänemark. Nur die Norweger scheinen ein ähnliches Bedürfnis nach klebfreien Oberflächen zu haben.

Zurück zum Zug. Hamburg Hauptbahnhof. „Der Zug hält in der Halle.“ Gut, dachte ich, dann kann ich ja in der Halle einsteigen. Geht dann auch nicht anders, der Zug hat eben nur drei Waggons. Ok. Viele Menschen zwängen sich in den Zug, meist sind die Gepäckstücke so groß wie ihre Besitzer, so dass mir sofort wieder „Truhe“ aus der Scheibenwelt einfällt. Über jedem Sitz prangt eine digitale Anzeige. Sie zeigt nicht etwas „reserviert von… bis…“, oh nein, da steht: „kan vere reserveret“, was so viel bedeutet wie „Könnte reserviert sein“. Könnte also ebenfalls sein, dass so eine Ausschilderung rege Verwirrung bei ordnungsliebenden Deutschen hervorruft und viele Menschen tatsächlich gezwungen sind, viele Plätze zu tauschen.

Schließlich bin ich aber in Nyborg, einer kleinen ranzigen Stadt mit eigenem Gastliegerhafen. Der Hafen wirkt idyllisch. Ist er letztendlich auch, doch so klein er auch ist wirkt er wie eine erste Sammelstätte der kleinen Skurrilitäten.

Wir haben:

  • degenerierte Jugendliche, die ihren Fusel auf dem Steg konsumieren
  • ein norwegisches Paar mit einer neuen Bavaria, das den Schampus knallen und nicht zu überhörende irische Weisen in den Äther jagt. Klar, das Schiff heißt ja auch „Runrig“.
  • Eine norwegische Yacht, die Ortsbesuch erhält und und unglaublichen Lärm verursacht
  • … und ein deutsches älteres Ehepaar, das in ihrem Wohnwagenschiffszelt sitzt und den ganzen Abend ohne Erfolg aber sehr laut versucht, zweistimmig Shantys zu singen. Er spielt Schifferklavier, sie liest in einem Buch mit Farbskalen und singt. Dabei sieht sie aus wie die jüngere Schwester von Tante Elke.

Früh machen wir uns am nächsten Morgen auf den Weg nach Sejerö, durch nassen, kühlen Nebel über spiegelglatte See. Auch dort gab es Shantys, mit Banjo, Gitarre und Geige des Inselvolks. Und Fasane und Katzen gibt es auch. Die Inselbewohner sind begabte Rosengärtner, es ist wunderschön. Viele Rosen stehen vor verfallenen Häusern oder Scheunen und so strahlt uns die Dialektik des ganzen Lebens entgegen – in unendlicher Schönheit.

Wieder früh geht es weiter nach Schweden. Glatt ist das Wasser noch, aber die Sonne wärmt. Fröhlich und scheu ziehen die Tümmler ihrer Wege, kleine Rückenflossen sind das einzige, was sie einem zeigen. Langsam werden die Gedanken ruhiger und freier.

10. Juli 2012

Gesegnete Glückskinder, ja, das sind wir schon wieder einmal! Was für ein wunderbarer Ort. Oder Orte scheinen einfach viel heller und schöner, wenn man sie mit besonders schönen Erlebnissen verbinden kann, und so finden sich auch die freundlichsten Menschen scheinbar an den Orten, an denen man sie am wenigsten vermutet. Halmstad ist eher ostdeutsch, eine Wohnstatt, die uns das Leben zunächst nicht unbedingt leichter macht. Wir fahren unter Sturm in den kleinen Hafen, der recht weit von der kleinen Stadt entfernt liegt. Im Hafen macht uns der Sturm nahezu manövrierunfähig. Wir gehen noch etwas essen, aber todmüde falle ich etwas später in die vom Sturm geschüttelte Koje. Nachts löst sich ein Fender und Jack muss raus, aber der Regen ist warm. Ich schlafe fast 12 Stunden, aber auch im Morgenlicht ist der kleine Hafen der örtlichen Segel-Sellskap unwirtlich, er erinnert an den industriellen Hausboothafen in der Veddel. Bei dem Nieselregen hier oben fällt es ohnehin niemandem schwer, sich verloren zu fühlen. Jack hat die gute Idee Nr. 124, ins örtliche Schwimmbad zu laufen, um legitimiert ausgiebig zu duschen, ein paar Bahnen zu schwimmen und zu rutschen. Eigentlich wollte ich meine Haare unter dem Gartenschlauch waschen, aber ich stimme dem Vorschlag zu. Wir haben sowieso nichts anderes zu tun. Nach einem mir endlos scheinenden Fußmarsch kommen wir an. Leider hat das Schwimmbad wegen Überfüllung geschlossen, man darf aber in der Vorhalle warten und eine Nummer ziehen. Vernünftig ist das aber eher nicht mehr. Also pilgern wir los zum Stadthafen, da wird es bestimmt Sanitäranlagen geben.

Leider ist der Bahnhof (an dem wir auf dem extra gewählten kürzesten weg durch die Stadt vorbei kommen und an dem es wie an jedem Bahnhof sicher eine Überführung gibt, um die Seite zu wechseln, sollte man auf die andere Seite müssen, aus irgendwelchen Gründen…) eine Baustelle, mitnichten gibt es einen Gleisüber- oder -untergang. Also gehen wir außen rum und beschließen, dass uns ein Kaffee auf jeden Fall weiterbringt. Wir betreten ein Galeriecafé. Die Schweden sind ja ein freundliches, hilfsbereites Völkchen, daher fragen wir die Besitzerin, ob sie vielleicht wisse, wie der Stadthafen funktioniert, ob wir da einfach so Benzin bekommen, duschen könnten oder ähnliches. Ihre siebenjährige Tochter schaut uns verstohlen fasziniert an und verabreicht uns Kekse. Nach einigem hin und her holt die Galeristin einen deutsch sprechenden Mann, ihren Ex-Mann, wie sich herausstellt und versichert mir, dass wir sein Angebot, ihm zu folgen, problemlos annehmen können, er sei sehr nett, ihre Töchter seien ja schließlich auch da in der Wohnung. Puh, ja dann.

Wir Glückskinder!

Wir können bei ihm ausgiebig duschen, er kocht uns eine Kleinigkeit, ist Künstler und Maler, fährt uns zur Bootstankstelle und lädt uns ein, uns in Göteborg am Wochenende zu treffen. Mir gefällt seine Kunst, sein Atelier und seine Art, dort zu leben in seinem selbst gebauten Loft. Es ist leicht, Inspiration aus diesem kurzen Treffen mitzunehmen. Alles ist wieder richtig und das Reisen bekommt seinen Sinn.

„I thank the Lord there’s people out there like you.“
„I thank the Lord for the people I have found.“
(Elton John – Mona Lisas and Mad Hatters)

Donnerstag, 12. Juli 2012

Gleich verlassen wir Falkenberg, eine kleine Stadt 25 Seemeilen weiter nördlich. Der Windgott scheint uns wohlgesonnen und die Sonne wärmt mir den Rücken. Hier liegt der Hafen mitten in der Industrie, Bohr- und Baggerlärm sorgen für eine dauerhafte Idylle. Der Hafen ist teuer, klein und unpersönlich, daher scheint es kaum verwunderlich, dass wir hier die beiden freundlichen, geselligen Schweden treffen, mit denen wir die Holzbank teilen und uns unterhalten. Der kleine Grill wird schnell von walrossartigen Möwen belagert, und so ist es doch wirklich schön hier, auch wenn mir Rohrspatz-Vokabular entgleitet, als wir ein paar Stunden zuvor in die Stadt laufen, denn die Törnführer-Autoren müssen irgendwo anders gewesen sein als sie durch die kleine Kreisstadt liefen. Macht nichts, kann passieren, und der Schwede erzählt uns, dass hoch oben auf den Industrietürmen die letzten noch verbleibenden Falken nisten.

Ich mag schwedisch. Ich mag schwedisch wirklich. Ich frage noch einmal nach ein paar Wörtern:
„Schären“ oder der richtigen Aussprache von „Göteborg“. Er erzählt von den Falken. Heißt auf schwedisch genauso: „Falke“ (zumindest wird es gleich ausgesprochen).
Nur die Sache mit den Adlern. Wir sprechen über Norwegen und die Seeadler. Unaufgefordert gibt der Schwede einen uneindeutigen Würgelaut von sich. Ein krächzend gutturales „Äön“ mit einem „örgh!“ kombiniert. Ich blicke verwirrt vor mich hin bis er sagt „That’s swedish for „eagle““. Ok. „Schade für den Adler, dass er hier so heißt“, sagt Jack, „sonst ist er ja eher ein stolzes Tier.“

13. 7. 2012

Sprach ich vom Windgott? Er war uns in der Tat wohlgesonnen, gleichzeitig ist einem nur meist auch ein anderer Wettergott wohlgesonnen, und das ist der Wellengott. Die Fahrt war anstrengend, besonders aus dem Hafen raus gegen die Welle, aber voller Sonne und Schaumkrönchen, so wird das Segeln immer wie Wellenreiten. Hundemüde erkunden wir dann später Getterön,besuchen die Vögel in ihrem Schutzgebiet und sehen einen Wanderfalken seine Kreise ziehen.


Es fällt mir dennoch schwer, zur Ruhe zu kommen, auch wenn das Abendlicht wie fast immer für viele Mühen entschädigt. Wir bleiben noch, werden den Wind abwarten und auf’s Meer sehen, es liegt weit und offen vor uns, in Schönheit, Gefahr und Tiefe.
Sommer in Schweden.

Reisen bildet:

  • Wer Bus fährt, kann nicht bar bezahlen, nur mit Kreditkarte. Stimmt, ist auch praktischer, 5 € mit der Mastercard zu bezahlen. Ach ja, und Unterschrift.
  • Wenn ein Schnaps 9 € kostet, ist es sehr sinnvoll, ihn sofort zu verschütten.
  • Elstern sind hier so dick, dass sie durch die Vorgärten rollen.
  • Wer grundsätzlich keine Kreditkarte besitzt, kann gleich wieder nach Hause fahren.
  • Wer beim Oldtimer-Treffen zu dünn ist, fährt eben auch nicht mit. Auch Boote auf Anhängern werden nur spazieren gefahren und kriegen dann einen Preis dafür, vorgezeigt worden zu sein.
  • Das Leben ist gar nicht so schwer, wie ich so oft denke. Es hilft, immer daran erinnert zu werden, dass alles viel lustiger ist.
  • Es ist total klasse, im Hafen in der Sauna zu sitzen und dabei auf den Hafen rauszugucken.

In Deutschland regnet es Bindfäden. Hier nicht. Es ist immer richtig, in den Norden zu fahren.

14. 7. 2012

Wir sind in den Schären vor Göteborg angekommen: Kungsö. Der Abendwind weht kühl, das Licht wie immer spektakulär. Festmacher-Augen im Felsen bieten sicheren Halt, es ist unglaublich ruhig hier, es sind am Abend nur fünf Boote in der Bucht, von irgendwo schallt entfernt Musik. „Wer in den Schären nicht aufpasst, bekommt Schärereien“, sagt der Captain. Junge Kormorane tauchen um die Wette. Nordische Küsten sind etwas Besonderes. Es kann alles so einfach sein.

17. 7. 2012

…dachte ich noch, dann haben wir Anker gelichtet und nahmen Kurs Richtung Högö. Eigentlich. Der stramme Westwind hatte andere Pläne. Über Nacht war aus dem ruhigen Inselchen ein sturmwindumwehter Felsen geworden, segeln schien fast unmöglich. Der Motor brachte uns zur offenen See. Die offene See brachte uns umgehend zurück, gegen die Wellen war kein Kraut für das kleine Boot gewachsen. Schutz fanden wir in einem großen Hafen vor Göteborg. In Hinsholmskilen hatten wir Glück. Es gab zwar weder sanitäre Anlagen noch einen Hafenmeister noch irgendetwas anderes Bequemes, dafür aber einen freien Liegeplatz, der uns beschützen konnte. Kein Hafenmeister – keine Hafengebühr, war ja auch kein Gasthafen.

Die große Stadt wartete verheißungsvoll hinter den Hügeln, die Punschrullar riefen nach Jack. Hätte er nur nie in eine reingebissen! Das pure Entzücken ins Gesicht geschrieben, die Augen leuchten, alles andere wird ganz unwichtig… Punschrullar!

Göteborg.

Seit Halmstadt geistert eine Marktlücke durch des Captains Gedanken, etwas Verrücktes, auch Praktisches, etwas ganz Unmögliches: ein Stadtmagazin! Mit Terminen und Veranstaltungskalender! Halmstad schien dafür zu klein, aber in Göteborg gibt es dann ja eins! Göteborg ist ja schließlich eine sagenumwobene Stadt: lebendig, studentisch aber vor allem stolze Metropole des schwedischen Heavy Metal, der bösen, harten und lauten Musik, von In Flames bis Hardcore Superstar sollen sich hier alle tummeln. Da muss man ja wissen, wo man hin soll!!!
Nein, es gibt kein Stadtmagazin. Man erntet nur verstörte Blicke. Ist aber auch gar nicht so schlimm, es gibt nämlich auch gar keinen Heavy Metal. Jedenfalls nicht an einem Montag. Das Sticky Fingers hat zu, die Metal-Terrassen sind wohl eher ein versnobter Ort (Eintritt und Gesichtskontrolle), wir lassen sie aus. Das Nefertiti hat auch geschlossen, ebenso das Dancing Dingo. Die Rock Baren hat auf, ehrfürchtig betreten wir das Kellergewölbe, hier soll es laut, dreckig, düster und hart zugehen. Hm. Naja. Gut, die Leute sind tätowiert. Wir hören Airbourne, The Offspring und Achtziger-Hardrock. Hui, gefährlich. Die anderen hier haben wohl Feierabend und trinken ihr Bier. Alle umarmen sich. Nur dreckig und gemein ist es hier nicht. Schade. Trotzdem ist der Tag in Göteborg natürlich schön. Wir gehen ins Kunstmuseum und sehen „Surrounding Bacon & Warhol“. Tolle Ausstellung, nur winzig, wie auch der Rest des Museums. Rumlaufen. Kaffee trinken.

Der kräftige, gleichmäßige Westwind bringt uns weiter nach Kallö-Knippla in den Hafen Knippla Hamn. Idyllisk, swedisk, rothäuserisk, malerisk!
1 A Liegeplatz im Bilderbuchschweden. Duschen, grillen, rumlaufen, rumhängen. Alles passt. Der Blick auf die Schärenlandschaft ist weit und frei, am Horizont stehen die Türmchen von Marstrand. Morgens sitze ich auf der Kaimauer und lasse mir vom Wind das Haar zerzausen. Was ist denn eigentlich schöner als den ganzen Tag draussen zu sein?

18. Juli 2012

57° 52′ 62” N
Wir sind am nördlichsten Punkt unserer Reise angekommen. Der Wind geht schlafen, die kleine grüne Insel schützt uns vor kaum merklichen Wellen. Abends fangen die Fische an zu springen. Absolute Ruhe. Wenn es nur immer so wäre!
Das Abenteuer geht zuende. Ich bin wehmütig, traurig, aber niemand will wohl zurück, wenn es schön war.

Die Nacht vor Anker fand ein jähes Ende, das glücklich für die Abenteurer ausging. Als wir aufwachten, waren wir nicht mehr da, wo wir hätten sein sollen sondern trieben im seichten Ostwind so vor uns hin. Der Ostwind brachte den Regen, graue Feuchtigkeit hing über den Schären. Also setzten wir Segel und machten uns auf den Weg nach Göteborg. Wollte mir das Wetter den Abschied leichter machen? Eher noch brachte es das Abschiedsgeschenk: wenig Schiffe waren im Nieselregen unterwegs, die Kormorane bevölkerten die Schärenfelsen…
„Was ist da auf dem Felsen?“
„Ich weiß nicht, ein Stein?“
„Nein, es ist eine Robbe! Eine Robbe!“
Als sie uns sieht winkt sie mit der Hinterflosse. Bei dem Wetter hat sie es da gut.

Zurück in Göteborg findet die Reise ihren gebührenden Abschluss im Nefertiti:

Dave Holland Prism:
Dave Holland (b)
Craig Taborn (p)
Kevin Eubanks (g)
Eric Harland (dr)

Der Flughafen in Göteborg ist eine Baustelle. Ich möchte noch bleiben. Was haben wir alles erlebt! Was ich wirklich nur zwei Wochen unterwegs? Die Zugfahrt nach Nyborg scheint Monate her zu sein. Duschen bei Künstlern, segeln im Sturm, motoren im Nebel, Tümmler in Dänemark, Spicy Pepper Gajol in Varberg, eine Robbe, eine Maus, ein Wanderfalke, grillen in Falkenberg, ankern vor Schärenfelsen, Mini-Golf in Knippla Hamn, Francis Bacon in Göteborg…

Heute morgen weckte mich die Sonne in Langedrag, der Hafen ist so traumhaft ruhig. Schon wieder habe ich Tränen in den Augen als ich ins Flugzeug steige. Aber ich weiß, dass das Abenteuer immer weiter gehen wird.
Was habt ihr so gemacht im verregneten Deutschland?