Fuerteventura. Surfen. Sonne.

 

17. Dezember 2012

Welch sonderbare Fügung. Aus nicht vorhersehbaren Gründen sind wir in Paris. Der Flug nach Fuerteventura benötigte eine Zwischenlandung, ein Passagier muss zu einem Krankenhaus gebracht werden. Micha ergeht sich in wilden Spekulationen. Ob es ein Rentner ist (mich interessiert das Durchschnittsalter der Urlauber auf den Kanaren), der nie ein Problem mit seinem Herzen hatte und auf dem Weg an den Ort war, an dem er seine Rente verprassen wollte? Welch Tragödie. Es ist mir immer ein Rätsel, welche Wendungen das Schicksal nimmt und an welchen Orten. Auf dem Weg in den Urlaub ist so ein denkbar schlechter Zeitpunkt, sich überhaupt bemerkbar zu machen, so als Schicksal, meine ich.

Oft schaue ich zweifelnd in den Himmel und spüre das ständige Bewusstsein der Endlichkeit durch die Gezeiten fliegen. Gerade gestern ging es im Thementag auf 3sat um den Maya-Kalender. Natürlich, worum auch sonst. Allgegenwärtig wird das Ende der Welt zelebriert, in vier Tage sollte es soweit sein, am 21. Dezember 2012. Was nicht erzählt wird, ist, dass es das Ende eines Zyklusses des Maya-Kalenders ist, so etwas wie die Jahrtausendwende. Natürlich ist es nicht das Weltenende.

Die Lüsternheit nach Sensationen und Katastrophen mache unsere Kultur zu einer Kultur des Todes, denn der Tod wird allgegenwärtig präsent gehalten, drastisch belegt durch Bilder aus Action-Filmen, Nachrichten und Reportagen. Interessanter und wahrer Gesichtspunkt.

Ab jetzt gilt es aber, sich durchzufreuen, wenn es denn endlich weitergeht, noch ist die Polizei an Bord. (Ein seltsam Gestörter hat sich auf dem Bordklo eingeschlossen, um von sechs Polizisten abtransportiert zu werden.) Surfen, Sonne, kalte Getränke und Sonnenuntergänge. Alles wird gut.

18. Dezember 2012

Seltsam, dieses Datum zu schreiben bei über 20°C im Schatten. Ist das aufregend. Die Sonne macht mir zu schaffen, ebenso der Kulturschock. Ein paar hundert Meter weiter ist der Robinson Club („ja, und das ist die Mareike, daneben steht die Stefanie…“) Dicke Deutsche tragen verschiedenfarbige Bändchen am Handgelenk, die ihre Befugnisse für das Abendessen, Frühstück, Trinkverhalten, ihre Aktivitäten und Ausgangsrecht bezeugen. In der Zwischenzeit bevölkern sie halbnackt die Promenade, hängen ihre Brüste über den Windschutz und beziehen die Sonnenliegen am Strand, die Bildzeitung auf dem Bauch. Ein Traumurlaub. Aus der vierten Sonnenliegenreihe ist nur das Wasser gar nicht mehr zu sehen, sie stehen in einer Senke. Ein Urlaub kann so viele billige Plätze bereit halten! Die Wärme tut bestimmt den Rentnerknochen gut. Und wir sind ja sowieso da, wo die nicht sind. Oder wer klettert die Steilküsten zum Atlantik runter? Endlich verstehe ich auch die Themen „Altersarmut“ und „Bevölkerungsrückgang“. Ich glaube, ich habe noch nie so viele Rentner gesehen wie hier, und dies ist ein vergleichsweise winziger Ort.

In einer Palme sitzt eine Gruppe kleiner Papageien, Streifenhörnchen klettern über die hohe Mauer und werfen sich in Pose für die Fotografierwütigen.

Surfen!

19. Dezember 2012

Zwei Tage Surfkurs. Rui nennt es die Weißwasser-Waschmaschine. Mir tut alles weh, Resümee: völlig fertig aber glücklich. Es macht höllisch Spaß und ich freue mich auf morgen.

20. Dezember 2012

Ich spüre jeden einzelnen Knochen, meine Arme spüre ich allerdings nicht mehr. Der Take-Off will mir nicht gelingen. Geduld wird auch hier das Grundrezept sein, ich lerne langsamer. Wichtig ist die Schnellkraft.

21. Dezember 2012

Kennst Du den Blauflecken-Kiwi aus Neuseeland? Er kann sehr böse gucken und hat überall blaue Flecken. Am liebsten isst er große Orangen. Super surfen kann er auch. Heute habe ich den Take-Off geschafft. Ich freu mich. Der Körper gewöhnt sich auch langsam, meine Arme kann ich schon wieder anheben und mein Knöchel tut nur noch halb so weh. Schrecklich müde bin ich auch nicht mehr. In meinem Kopf arbeitet es ununterbrochen, wie ich diesen Sport weitermachen und üben kann. Ich will da raus.

Wie weit sie alle weg sind. Wie elementar die Wellen werden.

Es gibt Kinder des Ozeans, sie kommen aus dem Meer, und irgendwann gehen sie dahin zurück. In der Zeitspanne dazwischen bleiben sie Suchende an Land. Es ist so erstaunlich, wie durch demographische Prägung die Lebensgestaltungen variieren, wie Ambitionen ausgeprägt werden können und wie wenig oder mehr Menschen gesellschaftskonforme Normen zu ihren eigenen machen. Oder eben überhaupt nicht.

Weltweit gibt es 20 Millionen aktive Surfer. In verschiedensten Bevölkerungsschichten, Kulturen und Ländern. Am Gaza-Streifen, in Australien, in der Antarktis. Menschen ziehen an Orte, an denen es die besten Wellen gibt und an denen ihre Kinder surfen lernen, sobald sie stehen können. Surfen ist eine Lebenseinstellung.

Die Blauflecken-Kiwis erkennt man an ihren blauen Flecken an der Hüfte.

Auf Mamas Geburtstag! Cuba Libre hoch die Tassen! Am 21. Dezember in kurzer Hose und T-Shirt bei Kaffee draussen sitzen. Träume spinnen und die siegessichere Gewissheit der Zuversicht.

Abends dann ein „Beach-Barbecue“: ein winziger Grill, alle sitzen an einem düsteren Strand im Kreis, für zwei Fische und einen Fleischspieß ist Platz auf dem Grill. Der Rest verbrennt Holzpaletten und nennt es „Lagerfeuer“. Hippies for a year sitzen nachts am Strand. (Zu dem man durch dunkle Ewigkeit zu Fuß ging.) Fehlt nur noch die Gitarre und Mädchen, die weinen. Ich dachte, das hätte ich mit dem letzten Abenteuerlager mit 15 zurück gelassen. Aber allen anderen scheint es zu gefallen. Ich kann immer noch einzig den Kopf schütteln.

22. Dezember 2012

Der Weltuntergang ist, ganz unerwartet, gar nicht eingetreten.
There are a hell of a bunch of amazing people out there in the world.
„I thank the Lord there’s people out there like you…“

Es ist so schön hier. Ich will nicht nach Hause. Gute Menschen und gute Wellen.
Eine ganze Woche als großes Überraschungspaket.

HANG LOOSE!