Im Flieger über Großbritanien. In Flames. Siren Charms. Nice tunes. Immerhin. Ach, wo ist der Weg aus der konformen Mittelmäßigkeit? Schon zu Schulzeiten hätte ich unter jedwede Form von Mittelmäßigkeit niemals meinen Namen gesetzt. Der Preis dafür ist natürlich, den Weg alleine zu gehen. Oder zumindest ohne die Gruppe. Ein fairer Preis. Damals waren die Bücher, die ich schrieb, noch melancholisch und unzusammenhängend. Das ändert sich mit der Zeit.

Nur Bildung ermöglicht die Definition des eigenen Charakters bis in die Haarspitzen und damit ein Selbstverständnis für die Werte, nach denen ein Mensch leben möchte.
Integrität, Solidarität, Humanität, Freiheit des Geistes.

Irland entgegen! County Clare, grüne Hügel und das Meer.
Wenn ich so darüber nachdenke, ist es ein unermessliches Privileg, in die äußeren Umstände hineingeboren zu sein, die die Definition dieser Werte ermöglichen. Fast empfinde ich das Ignorieren dieser Privilegien und die damit einhergehende Kleingeistigkeit als Beleidigung. Wie kann man dauerhaft die Augen verschließen? Sei es das Ausblenden der Armut, menschlicher Schicksale, Niedertracht, Zerstörungswut oder der Gier neoliberaler Marionetten – es macht mich sprachlos. Erweitern lässt sich Kleingeistigkeit problemlos durch politisches Desinteresse, Egoismus, grenzenlose Rücksichtslosigkeit und irrationales Anspruchsdenken.
Das Mantra: Ich werde verändern, wo und was ich kann und den Kampf gegen die Empathielosigkeit aufnehmen.

Reisen. Die gewohnte Umgebung verlassen. Immer noch ist ein Teil meines Geistes nicht weiter als mit 19, wie Marie konstatierte. Immer noch will ich kein Haus, kein Eigentum, das verpflichtet, und verabscheue Statussymbole. Am Ende ist das aber auch einfach nur eine abweichende Haltung. Hoffentlich bleibt das so. Die Welt und ihre Menschen sehen, im Garten Rhododendron und Flieder. Musik hören, Klavier spielen und Bücher lesen. Nur freie Geister können die Welt bewegen, nicht solche, die um ihren Besitz fürchten. Siehe Neoliberalismus. Ich danke! … und jetzt geht es dem gelobten Land entgegen: Irland’s Westen.

10. September 2014

Rockyview Farmhouse. Abend. Ruhig ist es im Ort. Ruhig und finster. Die Luft ist kristallklar, der Ozean liegt nach diesem Sommertag still und zufrieden vor uns. Jack hat Bekanntschaft mit einem Hund gemacht, der uns den Feldweg entlang zu seinem Lieblingsplatz unten am Wasser geführt hat. Drehte sich immer um, ob wir ihm auch folgen. Fremdenführer auf der Suche nach ortsfremden Fußgängern. Eine Weggabelung weiter stehen Alpacas auf der Weide. Für Wolle? Oder einfach nur so?
Auch die Iren sind ein Teppichvolk. Wie die Engländer. Ein Zimmer ohne beigefarbenen Teppich ist wohl schwer vorstellbar. Ergeben und ausgetreten. Wie immer haben heißes und kaltes Wasser zwei einzelne weit auseinander liegende Hähne am Waschbecken. Linke Hand heißes, rechte Hand kaltes Wasser. Lauwarmes Wasser herzustellen bleibt unmöglich, das ist irgendwie nicht vorgesehen.

11. September 2014

County Clare. Sind die Klippen entlang von Doolin Richtung der Cliffs of Moher gewandert. Sonne, Wind, grüne Hügel und das Meer. Versprechen erfüllt. Vor den Klippen dann mit Blick darauf angehalten und umgedreht, wir fliehen vor dem Massentourismus. Wir wollten lieber das Land sehen, keine Touristen und Reisebusse. Auch keine Boote, die von Doolin die mit Outdoor-Kleidung und Rucksäcken Bewaffneten zu den Felsen über den Seeweg fahren. Ich muss die ganze Zeit an Heinrich Böll denken, und was er gesagt hätte, wenn seine entlegenen einsamen Cliffs damals schon Eintritt gekostet hätten. Der Weg an der Küste ist spektakulär.

Dann ein Ausflug nach Connemara, in Joyce’s Country. Sagenumwoben liegen die Berge vor uns. So anders als die karge Hügel- und Steinwelt im Burren. Connemara ist das Land der Dichter. Die Berge erzählen ihre Geschichten, ich kann es deutlich hören. Dort liegt das Herz der tiefblauen Schwermut, der zerrissenen Seelen. Die Hänge erzählen vom Wühlen und Wandern der unruhigen Seelen. Die Zeit wird dieser Küste nichts anhaben. Einsamkeit und atemberaubende Schönheit streift durch die Täler, und das Vermächtnis der großen Geister schwebt über dem Meer. Seamus Heaney, James Joyce, Seamus Dean, Roddy Doyle, W.B. Yeats, Oscar Wilde, Nuala O’Failoan. Ein Radiosender auf Gälisch. Die ganze Küste Irlands atmet Musik. Schafe überall. In Galway hab ich mir die gesammelten Werke von Yeats gekauft, bald habe ich alle Weggefährten beisammen.
Wittgenstein blieb 1947 für drei Monate im kleinen Cottage im Hafen von Killary. “This place is magical.” Klar, nur eben ist da einfach nichts. Der Weg dorthin dauert ebenfalls unglaublich lange. Gnadenlos ziehen sich die Landstrassen durch die Landschaft. Es gelingt uns, auf dem Weg dahin ein altes, bestens erhaltenes Herrenhaus zu besuchen. Wir gehen in jeden Raum. Sofort habe ich Ritter vor Augen, sehe Töchter in langen Gewändern, die als Passagiere auf den Schiffen über die Galway Bay reisen, als Ehefrauen in die südlicheren Counties versprochen. Ich sehe Wachtürmchen, Tore und alte Bäume, Pferde und ein sagenumwobenes Land.

Sonnabend

Strahlender Sonnenschein und sommerliche Hitze. Ungewöhnlich für Irland im September, aber das kennen wir ja schon. Sonnenkinder auf Reisen… An der Surfschule waren wir zu früh, daher sind wir “wandern” gegangen – auf Empfehlung unserer Bed & Breakfast-Herbergsmutter Gill. In den “Burren Walking Trails” wählten wir den Blackhead Loop. Man sollte es eher Hiking nennen. Manchmal auch Rollen, Klettern und Durchs-Gebüsch-kämpfen. Nach den ersten fünf Kilometern:
Eva: “Und was soll an diesem Weg jetzt “higher than average fitness level” sein?”
Zwei Minuten später verschwand der Wanderweg im Gebüsch und blieb fortan eine Vorbereitung auf die Abenteuer in Papua-Neuguinea. Es fehlte nur der Eingeborene mit Messer quer zwischen den Zähnen. Aber jeder Busch hat ein Ende. Es folgte ein steiler Aufstieg. Schön war’s da draussen. Stille. Schafe. Rinder. Steine. Wiesen. Und Wind. Laufen und Pläne machen. Alles andere ist ganz weit weg. Besser kann es niemals werden.

 

 ’Cause we find ourselves in the same old mess
singing drunken lullabies
-Flogging Molly- 

Sonntag

Sonne, Sonne, Sonne. Wärme. Endlich gelingt es uns, Surfbretter auszuleihen. Ich hatte völlig vergessen, dass die Iren diese südländische Art Tiefenentspanntheit haben. Angenehm für den, dem es gelingt, sich anzupassen. “Man weiß nie, wann er kommt, aber er kommt auf jeden Fall. Das ist sehr irisch.” Im Wasser paddeln vor dieser einmalig schönen Kulisse. Sanfte Wellen, hat Spaß gemacht. “Perfect conditions if you want to improve a bit.” Gill leiht uns Schüssel und Messer, damit wir uns einen Salat machen können. Ich bin glücklich hier. Die Eile, die Missgunst, die übertriebene Hektik von denen, denen man zuarbeitet, verschwinden im Nebel über den Bergen im Burren. Mein Leben ist für ein anderes Tempo gemacht: entschleunigt.
Gill schenkt uns Tomaten aus ihrem Garten für den Salat. “Man kann nicht immer Eier und Pommes essen”, sagt die Holländerin beim Frühstück. Stimmt. Also kaufen wir uns Salatzutaten und dürfen die Küche benutzen. Auch Artischockenland. Die Hühnchen aber frisst der Fuchs, deshalb leben sie alle hinter Zäunen. Es gibt so viele Füchse. Nur Geldautomaten gibt es nicht in Fanore. Der nächste ist in Kinvarra, 15 km weiter. Immerhin. Alle Orte an der Küste sind mit dem Wild Atlantic Way verbunden. In den Kinos läuft gerade so eine kitschige Werbung mit vielen Gegenlichtaufnahmen für Irland, man solle sofort hinfahren. Susi fragt: “Sieht es da wirklich so aus?” “Ja, so sieht es da wirklich aus. Wenn die Sonne scheint.” Nur ist der Wild Atlantic Way nicht für moderne Fahrzeuge erbaut worden, die sind zu breit. Immer wieder legen wir halsbrecherische Vollbremsungen hin, weil die Reisebusse aus aller Herren Länder auch hier durch Fanore fahren, auf ihrem Weg zu den Cliffs. Frechheit. Und wieder kopfüber in die Brombeeren gerettet. Eigentlich ist Irland im September eine einzige Brombeere. Interessant wird die Strasse abends, denn selbstverständlich gibt es keine Strassenbeleuchtung. Deshalb habe ich auch auf dem Weg von Kinvarra nach Fanore einen Kobold gesehen. Klein, mit riesigen, leuchtenden Augen und großen Ohren.

Ich bin erstaunt darüber, wie bereitwillig die Menschen ihre Häuser öffnen. Noel erzählt seine Geschichte und führt uns fröhlich durch seinen Garten. Er zeigt uns, welche Blumen er woher mitgebracht hat, hier schient alles zu wachsen, im milden Klima des Golfstroms. Sogar die Schafe werden hier größer als zu Hause. Die Hagebutten auch. Die Katzen leben draussen (eine heißt “outside”), bei den Hühnern.


Und dann geschieht das, was unser Leben ausmacht. Magische Momente, die weiter leuchten. Sonntag abend im O’Donahue’s, Irish Folk. Klar dachten wir ‘was wird das schon sein’,  Touristenkram, nicht ganz ernst zu nehmen wahrscheinlich. Und sie kamen mit Harmonika, Akkordeon, Tin-Whistle, Löffeln, Bodhrun und Querflöte. Zwischendurch werden die Einheimischen aufgefordert zu singen. Und sie singen ihre Balladen. Auch von ausserhalb sind ein paar gekommen, sie alle singen füreinander, bestätigen sich, schlagen Lieder vor, jeder kennt jeden Text, jeder ist willkommen, an einem Abend aus Geschichten und ihren Harmonien. Die Familien reichen ihre traditionellen Klänge weiter an die Kinder, es gibt Festivals, auf denen jeder die Instrumente versucht und erlernt. Als die Musiker einpacken, schließen sich die Türen, und wir sind die einzigen Fremden, sitzen mit den Iren in einer Runde. Einer nach dem anderen besingt die Geschichten, Orte und Täler. Oh, Danny Boy! Voller Inbrunst, sie feuern sich an, sie sind ganz leise, die ganz Alten und die Jungen. Auch JohnJoe singt, zahnlos und glücklich. “Ah, you understand me, I buy you a drink!”
The Lonesome Touch. “The Lonesome Touch” ist eine Phrase, die die Traurigkeit und das Pathos beschreibt, die der Musik aus dem County Clare zu eigen ist. Was man hört, sind die Leere und die Aussparungen in den Arrangements, die Lücken, die voller Emotionen sind.
Die Stimmung bleibt dennoch fröhlich, alle Ergriffenheit ist gebannt in den Akkorden. Wir haben Tränen in den Augen.

 

The Fields Above Fanore

Portugal is beautiful and Teneriffe is grand
But the Burren with its beauty bare is all I understand.
Sixty golden years have passed since I left my father’s floor
And still I hear the cuckoo call from the Fields above Fanore.

 

She strikes a note of cheerfulness and borrows ancient glee
As the slope of gold I now behold beside the lovely sea.
I’ve lived in Chattanooga and again in Baltimore
But I’d rather be where the cuckoo calls from
the Fields above Fanore.

 

Well often times in retrospect, dear Galway Bay is seen
There then appears Old Creggah, there too is Sweet Derreen.
And as the fireball sun declines behind far Innismore
I hear in dream the cuckoo call from the Fields above Fanore.

 

There are times I hoped to cross the sea
and seek my native place
But now perhaps it’s far too late such dreaming to embrace.
For if I did, I promise you, my weary heart would soar
For again I’d hear the cuckoo call from the Fields above Fanore.

 

There stands the little schoolhouse I attended as a boy
With the Pins of Connemara still pencilled on the sky.
With tender flowers beneath my feet I’d hear the ocean roar
And pause to hear the cuckoo call from the Fields above Fanore.

 

In a gleaming cottage kitchen I’d have buttered scones and tay
And as the evening shadows fell we’d chat the night away.
I’d tell in song at Donohue’s how on a foreign shore
I hear the cuckoo calling from the Fields above Fanore.

 

The planes of modern Ireland leave vapour trails on high
Between me and the brilliant sun a skylark in the sky.
With song of songs on gallant wings above the Cliffs of Moher
Dear God, I hear the cuckoo call from the Fields above Fanore.

 

Out here in Philadelphia where now I have my home
Four thousand miles from Ireland across the Atlantic foam.
We have symphonies and operas and jazz and trail galore
I’d rather hear the cuckoo call from the Fields above Fanore

 

I did me bit for Uncle Sam who gave daily bread
In the shattered woods of Normandy
midst the dying and the dead.
With nothing to protect my mind against the battle roar
But to think I heard the cuckoo call from the Fields above Fanore

 

My daughter Bridie home from Lourdes
brought back a cuckoo clock
She wound it up at suppertime and off it went tick-tock.
But when it struck the midnight hour I leapt out on the floor
I thought I heard the cuckoo call from the Fields above Fanore.

 

I’ve laboured long in foreign lands, I have the name of wealth
I’ve paid the debt in blood and sweat and havoc to my health.
My last request, take me to rest where my darling sleeps before
And where we’ll hear the cuckoo call
from the fields above Fanore.

Mullaghmore Blue Loop Walk.

Klettern auf den Berg im Naturschutzgebiet. Einsam und bizarr und ganz weit oben. Welch idealer Ort, um die Gedanken auf dem Kopf zu fegen, hier oben im Wind. The Burren.

 

Dienstag

Zurück im Rockyview Farmhouse. Die Sonne kriecht über den Hügel und leuchtet ins Bett hinein. Der Surf-Forecast spricht von idealen Bedingungen in Lehinch, und so war es dann auch. Wir leihen Surf- und Bodyboard und paddeln uns durch eine gute Session. Ich bin fröhlich, das Softboard ist ideal für die sanften Wellen, am weiten Strand verteilen sich die Wellensuchenden problemlos, es sind viele Anfänger im Wasser. Erschöpft und salzig geben wir die Bretter wieder ab. Abends bei Noel gibt es Apple Pie und Surfspot-Geschichten von der Cornish Left.

Mittwoch

Der letzte Tag. Laut Vorhersage sollte es in Lehinch kleine feine Wellen geben. Ganz so einfach ist es dann doch nicht. In die einzige Welle verschwinden zwei Schulklassen. Also starten wir nahe des Hag’s Head den Wanderweg zu den Cliffs of Moher. Diesig, dunstig, nebelig erheben sie sich aus der Kulisse.

Nachmittags springen wir wieder mit Anlauf in die Wellen, und da bleiben wir auch für die nächsten drei Stunden. Irgendwann zwischendurch wird mir klar, dass wir in weniger als 12 Stunden in den Flieger nach Hamburg steigen. Bretter abgeben, zum Rockyview Farmhouse fahren, packen, drei Stunden schlafen, dann los. Vorm Pub in Fanore winkt uns Pat O’Donahue schon von weitem, er gibt uns ein Guinness auf unseren letzten Abend aus, als er bestürzt feststellt, dass wir abreisen werden. Schade, dass wir gehen, befindet er: “You should buy a house in Fanore so that you can always come back. It seems you like it here.” Thanks, Pat. You made it really easy to feel at home here in Fanore. Never been to a place before where the locals were so open-hearted and curious about strangers. Abschied mit Handschlag und dem Versprechen, dass wir zurückkommen. Am Rockyview treffen wir Noel. Ganz entgeistert nimmt er zur Kenntnis, dass wir nachts das Haus verlassen werden. Wir danken und er umarmt mich. Coming back? Fanore ist ein Ort zum Freunde-finden, scheint es. Thanks, Folks! An outstanding week in a marvellous country. Passt auf Euch auf, bis uns der Kuckuck zurück nach Irland ruft.

I really didn’t wanna leave.